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Im stillen Krieg mit den Bergbau-Konzernen

Guilherme Cavalli ist Koordinator der Desinvestment-Kampagne des lateinamerikanischen Netzwerkes „Kirche und Bergbau“. Das Netzwerk will erreichen, dass Unternehmen, Banken, Institutionen und Einzelpersonen nicht mehr in Bergbau-Konzerne investieren, die sich Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung schuldig machen. Während einer Lobby-Tour durch Europa erläuterte der Brasilianer Einzelheiten zu seiner Arbeit.

Was steckt hinter Ihrer Kampagne zum Desinvestment?

Cavalli: Wir beschäftigen uns mit der Situation im Bergbau in acht Ländern Lateinamerikas. Es geht uns darum, aufzuzeigen, welche Arten von Investitionen es in Unternehmen des Rohstoffabbaus gibt, und wo dabei Menschenrechte und Umweltbelange verletzt werden.  Wir wollen darüber informieren, wie solche Investitionen genau aussehen, wer Nutzen und Gewinn daraus zieht, welche Organisationen, Unternehmen oder Banken daran beteiligt sind.

Wen wollen Sie denn in erster Linie dazu bringen, sich aus Bergbauaktivitäten zurückzuziehen?

Cavalli: Die Initiative ist in Lateinamerika entstanden, und wir wollen uns deshalb zunächst vor allem darauf konzentrieren, die dort ansässigen Organisationen und Banken anzusprechen. Darüber hinaus richten wir uns aber auch an den Globalen Norden, an Institutionen und Einrichtungen, auch in kirchlicher Trägerschaft, die Beziehungen zu Bergbauunternehmen in Lateinamerika haben. Anstoß für die Gründung der Kampagne war die von Papst Franziskus herausgegebene Enzyklika „Laudato sí“, in der ein umfassender sozial-ökologischer Umbau unserer Gesellschaften gefordert wird. In diesem Prozess ist die Wirtschaft ein wesentlicher Teil. Wir müssen unsere Art des Wirtschaftens, die in Teilen auf Ausbeutung beruht, überdenken. Vor allem sehen wir die extreme Gewinnorientierung kritisch, die dazu führt, dass die Natur hemmungslos übernutzt wird, um maximalen Profit zu erzielen. Diese Missstände sind in Lateinamerika klar zu erkennen. Wir brauchen zu deren Überwindung die Solidarität des Globalen Nordens, vor allem in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung durch Bergbautreibende.

Venezuela Rohstoff-Förderung
Auswirkungen der Rohstoff-Förderung in einem ehemaligen Waldgebiet in Venezuela. © MISEREOR

An wen richten Sie sich in Europa? Wen haben Sie in Deutschland im Blick?

Cavalli:  Wir sehen in Deutschland mit der Pax-Bank für Kirche und Caritas ein sehr positives Beispiel. Sie macht mit weiteren Organisationen Vorschläge für eine andere Form des Investierens in Brasilien und drängt auch bei der brasilianischen Regierung darauf, Umweltbelangen mehr Gewicht zu geben und Umweltgesetze effektiv umzusetzen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland aber auch andere Banken, die in enger Beziehung zu Brasilien stehen und dort in den Bergbau investieren. In den vergangenen fünf Jahren haben deutsche Banken in diesem Bereich fast eine Milliarde Dollar investiert – darunter die Deutsche Bank und die DZ-Bank (Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank). Die Zahlen stammen von der Organisation „Facing Finance“, mit der wir zusammenarbeiten.

Geht es nur um Investitionen oder auch um Bank-Kredite?

Cavalli: Es geht um direkte Investitionen.

Also keine Kredite zum Beispiel für die deutsche Autoindustrie, damit diese in Brasilien Rohstoffe und Bauteile erwerben kann, richtig?

Cavalli: Nein, es sind Investitionen in die Bergbauunternehmen selbst. Wir haben eine Untersuchung durchgeführt über Lieferketten im Sektor Eisenerzabbau in Brasilien. Daraus ergab sich, dass auch die deutsche Autoindustrie in Brasilien Metallwerkstoffe von Bergbauunternehmen eingekauft hat, die sich nachgewiesenermaßen Menschenrechtsverletzungen haben zuschulden kommen lassen und gegen internationale Verträge verstoßen haben. Unsere Desinvestmentkampagne macht übrigens auch Advocacy- und Lobbyarbeit in ganz Europa bei Organisationen wie MISEREOR, um den Druck zu erhöhen, dass Unternehmen stärker gesetzlich in die Pflicht genommen werden, entlang der gesamten Lieferkette von Waren auf die Einhaltung der Menschenrechtsverletzungen zu achten.

Welche internationalen Verträge werden verletzt?

Cavalli: Zum einen geht es um die Arbeits- und Sozialstandards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, aber auch um die Pflicht, die Bevölkerung zu konsultieren und einzubeziehen, bevor bestimmte Bergbau-Großprojekte begonnen werden.

Um welche Rohstoffe geht es genau?

Cavalli: Wir begleiten Menschen, die von den Auswirkungen des Bergbaus betroffen sind. Das  sind zum Beispiel die Leidtragenden des – oft illegalen – Goldabbaus. Dadurch wird dem Amazonas-Raum eine große Wunde zugefügt, denn durch den Goldbergbau entstehen große Schäden in der Natur. Dann haben wir den Abbau von Eisenerz im Visier. Problematisch ist auch der Abbau von Metallen, die für die Energiewende nicht zuletzt in Deutschland benötigt werden, zum Beispiel Lithium, das beim Bau der Batterien von Elektroautos eine zentrale Rolle spielt. Auch hierbei erfolgt der Abbau nicht immer rechtskonform, sichtbar etwa daran, dass die betroffenen Gemeinden vor Beginn von Abbau-Vorhaben nicht befragt werden und kein Mitspracherecht haben.

Guilherme Cavalli, Koordinator der Desinvestment-Kampagne des lateinamerikanischen Netzwerks „Kirche und Bergbau“. © Ralph Allgaier

Was konnten Sie bisher mit Ihrer Kampagne erreichen?

Cavalli: In den anderthalb Jahren des Bestehens der Kampagne haben wir schon einige Erfolge verzeichnen können. Unter anderem bei den katholischen Ordenskongregationen konnten wir erreichen, dass diese ihre Kriterien für ethisches Investment überdenken und den Bergbau in die Liste der Wirtschaftsbereiche aufnehmen, in die nicht mehr investiert wird, bzw. die von Investitionen ausgeschlossen sind. Solche Ausschluss- oder Negativkriterien werden schon für Unternehmen mit sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen, für Unternehmen, deren Aktivitäten gegen internationale Verträge verstoßen, für die Pornographie-, Tabak- und Waffenindustrie verwendet. Wir wollen, dass auch Bergbauaktivitäten zu dieser Liste hinzugefügt werden. Es wird in Zukunft notwendig sein, dass es in Europa eine viel größere Solidarität als bisher mit von Bergbau betroffenen Menschen in Lateinamerika gibt. Hier ist also noch viel zu tun.

Sie sind auf Lobbytour in Europa. Was sind dabei Ihre wichtigsten Ziele, und was erwarten Sie auch von der Bundesregierung diesbezüglich?

Cavalli: Wir sind mit zehn Personen unterwegs, es sind Leute dabei, die von den Auswirkungen des Bergbaus stark betroffen sind, die darunter leiden, dass durch Bergbau-Unternehmen ihr Trinkwasser verseucht, die Luft verschmutzt wird. Unser Ziel ist es, dass während unserer Reise diese Realitäten für Europa stärker sichtbar werden. Vor allem in den politischen Gremien, wo die Entscheidungen getroffen werden.  Aus Europa und Deutschland sind, was Verbesserungen im Themenbereich „Wirtschaft und Menschenrechte“ betrifft, schon viele wichtige Impulse gekommen. Unter anderem die Initiativen für Lieferkettengesetze. Wir wollen, dass diese Themen nicht wieder in Vergessenheit geraten, sondern weiterverfolgt werden.  Wir wollen die Arbeit der dabei beteiligten Lobbyorganisationen wie MISEREOR unterstützen. Wir kämpfen für größere Sorgfaltspflichten der Unternehmen.  In den Beziehungen von Deutschland und Lateinamerika wollen wir erreichen, dass genauer darauf geachtet wird, woher Materialien für die hiesigen Industrien stammen, und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden. Wir wissen, dass viel Kohle, die Deutschland importiert, aus Kolumbien stammt und dort unter zum Teil fragwürdigen Bedingungen abgebaut wird. Wir sehen, wieviel Leid in den Gemeinden verursacht wird durch dieses auf Ausbeutung basierende Wirtschaftsmodell. Wir befürchten auch, dass der aktuelle Krieg zwischen Russland und der Ukraine die Situation in Lateinamerika weiter verschärfen wird. Lieferströme sind unterbrochen und das könnte die Ausbeutung in Lateinamerika noch einmal erhöhen. Wir wollen, dass die europäischen Länder den Krieg nicht als Vorwand benutzen, um den Rohstoffabbau in Lateinamerika noch einmal zu steigern. Wir sind solidarisch mit der Ukraine, aber wie denken auch an die vielen Gemeinden in Lateinamerika, die einen stillen Krieg mit der Bergbaubranche erleiden.

Übersetzung: Edith Snijders

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Ansprechpartnerportrait

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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