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Durch Wertschätzung zum Wandel

Dem Rauschen der Blätter und dem Zirpen der Grillen im Gras lauschen. Die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Vom lebendigen Klang der Glocke gerufen werden. Inspirierende Gespräche führen. In verbundener Gemeinschaft leben, gestalten und genießen. Das ist Casa Velha! Ein Ort in Portugal, an dem wir –  Johanna, Madita und Nadja, ehemalige MISEREOR-Freiwillige – Anfang Mai eine Woche verbrachten.

Im Laufe der Woche entwickelte sich aus 42 individuellen Menschen eine Gemeinschaft.

Casa Velha ist ein Bauernhof im kleinen Dorf Vale Travesso, das im Zentrum Portugals, etwa 20 Minuten vom Wallfahrtsort Fátima entfernt liegt. Der Hof befindet sich seit Generationen im Familienbesitz und war einst ein bedeutendes landwirtschaftliches Anwesen in der Region. Heute ist Casa Velha ein offener Raum der Begegnung und persönlichen Entwicklung. Im direkten Kontakt mit der Natur und bei kulturellen, sozialen sowie spirituellen Aktivitäten soll das Wachstum gesunder Beziehungen zu sich selbst, zu Gott und zu anderen gefördert werden. Die als “Casa Velha – Ecologia e Espiritualidade” eingetragene NGO möchte so zur ökologischen Umkehr, zu der Papst Franziskus mit seiner Enzyklika Laudato Si’ aufgerufen hat, beitragen.

Diese Lebensweise aus erster Hand zu erleben, wurde uns im Rahmen von “Change for the Planet, Care for the People“ ermöglicht. Diese Kampagne wird seit 2015 von der CIDSE, einem Zusammenschluss katholischer Organisationen Europas und Nordamerikas, die sich gemeinsam für soziale Gerechtigkeit einsetzen, durchgeführt. MISEREOR als Mitgliedsorganisation entsandte im Rahmen der Rückkehrer*innen-Arbeit zum diesjährigen internationalen Jugendcamp mit dem Motto „Do coração à terra“ (übers. „Vom Herzen zur Erde“) eine 3-köpfige Delegation nach Portugal.

Kleiner Einblick ins Programm

Los ging es mit unserer gemeinsamen „slow travel“-Anreise mit Bus und Bahn nach Portugal! Zu dritt waren wir von Köln über Paris und Hendaye bis nach Fátima etwa 35 Stunden durch 5 Länder unterwegs. Dabei erlebten wir buntes Treiben in Paris, Gemeinschaft durch Ukulele-Spielen, körperliche Anstrengung mit Gepäck, warme Meeresluft in Hendaye, Pain au chocolat zum Frühstück und vieles mehr. Fazit: Diese Form des Reisens war nicht nur klimafreundlicher als ein Flug, sondern hat uns die Reise auch bewusster wahrnehmen lassen und sie mit allen Sinnen erlebbar gemacht.

Bei der Ankunft wartete ein liebevoll und sorgfältig vorbereitetes Programm auf uns.

In Casa Velha haben wir uns von der ersten Sekunde an willkommen gefühlt. Jeden Morgen starteten wir gemeinsam in den Tag, indem das Thema des Tages vorgestellt wurde und wir anschließend einige Zeit dazu in Stille reflektierten. Dies nannten wir die “Spiritual Time”. Auch ein fester Programmpunkt war das tägliche “Sharing in Groups” vor dem Abendessen. Dabei tauschten wir uns innerhalb der jeweiligen Länderdelegationen in unseren Erstsprachen über den Tag aus und teilten uns jeweils persönlich mit, was uns bewegte und beschäftigte.

Unsere Highlights der ersten beiden Tage waren die Führung über das wunderschöne Gelände von Casa Velha und die anschließende Arbeit auf dem Land. In drei Gruppen aufgeteilt verrichten wir nützliche praktische körperliche Arbeit, die eben auf einem so großen Gelände so ansteht: Ausheben eines Grabens für eine Wasserleitung, Einpflanzen und Bewässern von Gemüsepflanzen und Aufsammeln von zu viel Unterholz im Korkeichenwald.

Eindrücke von der Arbeit auf dem Gelände der Casa Velha.

Außerdem beschäftigten wir uns aus verschiedenen Perspektiven mit den immer wieder sehr aufwühlenden und bewegenden Themen Klimakrise und -gerechtigkeit, indem wir unter anderem eine Dokumentation anschauten, verschiedene Vorträge von Gästen anhörten und uns abends am Lagerfeuer noch ausführlich darüber austauschten und miteinander diskutierten.

Gemeinsam pilgerten wir nach Fátima. Auch wenn das eigentliche Ziel natürlich toll war, bestätigte sich das bekannte Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“! Denn während der Wanderung von über 20 km tauschten wir uns viel aus und reflektierten über all das war wir die letzten Tage gehört und erlebt hatten. Dies schweißt eine Gruppe einfach nochmal auf eine andere Weise zusammen.

Mit Change-for-the-Planet-Flagge und Warnwesten unterwegs nach Fátima.

Am Sonntag stand unser Gottesdienst im Freien im Vordergrund. In kleinen Gruppen bereiteten wir alle etwas für die Messe vor, die dadurch so besonders und persönlich wurde. Die gemeinsame Feier war für uns ein magischer Moment, der uns alle nochmal auf eine besondere Weise innehalten ließ.

Vorbereitung der Lieder für den Gottesdienst im Freien.

Abends gab es noch eine Überraschung für uns: Einige Bewohner:innen des anliegenden Dorfes kamen nach Casa Velha und führten traditionelle portugiesische Tänze (manche sogar ganz exklusiv nur im Dorf bekannt) vor. Wir konnten sogar selbst mittanzen – ein Abend mit viel Freude, Lachen und Spaß.

Wir lernen portugiesische Tänze von der lokalen community.

Am letzten Tag dann die Frage: Welche Saat haben wir während der letzten Tage im Camp für uns und unser zukünftiges Leben gestreut? Welche Ideen und Inspirationen wollen wir aus der Woche mit in unseren Alltag nehmen?

Ein internationaler Abend rundete das Camp ab: Vom englischen Wackelpudding über belgische Schokolade bis hin zum slowakischen alkoholfreien Wein war wirklich alles dabei! Das allerschönste war natürlich das gemeinsame Essen, das gemeinsame Lachen, der gemeinsame Austausch.

Ein persönlicher Rückblick von Madita

Casa Velha ist für mich ein Ort, der zeigt, dass es anders geht. Dass ein anderes, gemeinschaftliches und rücksichtsvolles Zusammenleben möglich ist. Zum einen wurde dies greifbar durch die Begegnungen mit den vielen unterschiedlichen Menschen, die alle an jedem ihrer Orte so wichtige und inspirierende Dinge hin zur sozialökologischen Wende tun, von denen ich lernen kann und die mir zeigen, dass der Wandel nicht nur möglich ist, sondern bereits in kleinen Schritten überall passiert. Und zum anderen durch die so ehrlich, mitsamt ihren Fehlern und Zweifeln, erzählte Geschichte dieses konkreten Hauses – dessen Umbau von Ställen in Gästezimmer, die Menschen willkommen heißen, auch den inneren Wandel der dort lebenden Menschen reflektiert. An diesem Ort von Beziehungen ist für mich vor allem ein Wort zentral geworden: Verbundenheit. Egal ob bei der gemeinsamen Gartenarbeit, bei einer naturwissenschaftlichen Doku über die feedback loops und tipping points des Klimas, beim gemeinsamen Singen oder einem policy Vortrag zur globalen Perspektive eines Professors der Lisbon School of Economics, wurde mir in der Woche immer wieder vor Augen geführt: Alles ist mit allem verbunden. Mit all den ineinandergreifenden Prozessen, Problemen, aber auch den positiven Auswirkungen unserer Mitgestaltung: Wir sind verbunden mit anderen Menschen und dem Land – und das ist ein oft verdrängter, aber grundlegender Teil davon, wer und was wir sind. Die Grenzen des Landes sind auch unsere eigenen Grenzen. Mit diesem Bewusstsein beginnt ein Grundstein für den Wandel, weg von den etablierten Mustern von Zerstörung und Ausbeutung und weg von der Gleichgültigkeit. Aus dem ehrlichen und realistischen Blick auf Instabilität und Verletzlichkeit, verbunden mit Dankbarkeit und dem Gefühl von Zugehörigkeit, ergibt sich die Dynamik des „Kümmerns“.

Sprachlos über die Schönheit des Anblicks: Wertschätzung als Ausgangspunkt für Wandel

Wenn ich in der Casa Velha morgens zum Frühstück in den Garten hinausgetreten bin, war ich sprachlos über die Schönheit dieses friedlichen Anblicks, der blumigen Landschaft, der wertvollen gemeinsamen Zeit dort. In dieser direkten Begegnung merkte ich wieder: Darauf will ich bewusst aufpassen, mit ihrer Verletzlichkeit anerkennen und sie in Freude genießen. Daher ist es für mich nicht abstrakt oder esoterisch, sondern konkret und politisch, wenn ich davon ausgehe, dass Wandel und Verhaltensänderungen mit Liebe und Wertschätzung beginnen. Beziehungen und Verbundenheit bewusst wahrnehmen, für sie dankbar sein, sich berühren lassen und sich daraus motiviert aktiv um die Welt und ihre Menschen zu kümmern und sie mutig mitzugestalten, das bedeutet für mich Casa Velha.

Ein persönlicher Rückblick von Johanna

Casa Velha ist für mich ein magischer Ort. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich diese bereichernde Erfahrung machen durfte.

Im Alltag kann sich ein Mensch schnell verlieren. Dabei können sich Handlungen zu Routinen und Ziele zu Bürden wandeln. Es ist deshalb wichtig, von Zeit zu Zeit den inneren Kompass neu auszurichten. Die siebentägige Reise vom Herzen zur Erde hat genau das in mir ausgelöst. Ich konnte aus meinem gewohnten Kontext ausbrechen und eine alternative Lebensphilosophie persönlich erleben.

Wenn ich diese Erfahrung in nur einem Wort beschreiben müsste, dann würde ich dafür „Frieden“ wählen. Die Seelen Casa Velhas verbreiten Frieden durch ihr schlichtes und entschleunigtes Leben, ihr liebevolles und fürsorgliches Miteinander und ihre tiefe Verbundenheit zu Gott und seiner Schöpfung. Das hat mich unglaublich glücklich gemacht! Ich nehme diese Erfahrung deshalb als Quelle der Inspiration in meinen Alltag und meine Zukunftsvisionen mit.

Das Camp war darüber hinaus eine Chance für mich, existenziellen Fragen nachzugehen: Was mache ich eigentlich und warum mache ich das? Was für eine Welt möchte ich der nachfolgenden Generation zeigen? Was mache ich momentan nicht, möchte es aber eigentlich machen? Wozu fühle ich mich berufen? Theoretisch kannte ich meine Antworten darauf schon, aber in Casa Velha konnte ich sie auch wieder in jeder Zelle meines Herzens spüren. Dabei wurde aus einer flackernden Flamme des Heiligen Geistes ein wahrhaftiges Lodern in mir! Das Camp hat mich also verwurzelt, meinen Werten ihren tiefsten Grund zurückgegeben.

Ich fühle mich sehr bestärkt und kehre jetzt mit neuer Energie und Motivation in meinen Alltag zurück. Meine Mission ist dabei, Frieden vorzuleben und mich für unser gemeinsames Haus einzusetzen.

Ein persönlicher Rückblick von Nadja

Was bedeutet der Aufenthalt in Casa Velha für mich? Was nehme ich aus dieser Woche mit? Ich habe versucht dies in zwei prägnante Überschriften zusammenzufassen: Erdung als Ausgangspunkt für Veränderung & Die Kraft der wertschätzenden rücksichtsvollen Gemeinschaft.

Erdung als Ausgangspunkt für Veränderung

Ausgangspunkt für eine nachhaltige und wirksame Veränderung auf politischer und globaler Ebene – die ich mir so oft wünsche – ist die (Wieder-)Verbindung zum Boden, zum Land, zur Erde, auf der ich mich konkret bewege. Am besten passt daher der Begriff Erdung für mich. Für mich ist das so wichtig, weil ich mich eigentlich als sehr naturliebenden und -verbundenen Menschen betrachte… aber dennoch in einer Großstadt lebe und dadurch immer wieder vergesse, was es bedeutet, wirklich mit der Erde verbunden zu sein. Zu wissen, wie Boden aufbereitet wird, zu wissen, wie viel ich vom Boden in Anspruch nehme, um meinen Hunger zu stillen oder besser gesagt meinen Überfluss zu stillen. Was nehme ich tagtäglich von der Natur, vom Land für meinen individuellen Konsum und welche Auswirkungen hat dies? Mit diesen Fragen wurde ich in Casa Velha wieder konfrontiert. Das hat mir sehr gutgetan. Die Bedeutsamkeit der „Connection to the Land“ wie es auf Englisch im Camp formuliert wurde, hat mich nachhaltig beeindruckt und beeinflusst und ich möchte sie nun wieder mehr in mein Leben integrieren. Das möchte ich schaffen durch Innehalten und Beobachten und durch bewusstes Konsumieren und Reflektieren.

Die Kraft der wertschätzenden rücksichtsvollen Gemeinschaft

Wieder einmal – wie so oft nach solchen Treffen, Seminaren oder Camps – habe ich erfahren dürfen, wie uns Gemeinschaft beflügeln kann bzw. wie es uns beflügelt, wenn wir uns als wertgeschätztes Teil dieser Gemeinschaft fühlen. In einer Gemeinschaft, in der die gemeinsame Wertvorstellung auf Wertschätzung, Respekt, Rücksichtnahme und liebevollem Umgang miteinander basiert. Ich habe wieder erfahren, wie viel Inspiration, Tatkraft, Energie und Mut es uns gibt, wenn wir in einer Gruppe nach eben so einem Wertesystem agieren. Diese Energie kann wahre Wunder bewirken und den Wandel in unserer Gesellschaft hervorbringen, den wir uns für unsere zukünftigen Generationen wünschen.

Samen des Wandels wachsen lassen

Erfüllt von neuer Tatkraft, stärkender Gemeinschaft und bewegenden Gesprächen kehren wir zurück nach Hause. Im Gepäck von jeder von uns: Frisch gesäte Hoffnung auf Wandel – weil wir gesehen haben, dass er möglich ist. Der Austausch mit den anderen jungen Menschen und das Kennenlernen dieses besonderen Ortes hat uns neue Impulse für unseren Alltag, für unser Engagement und die Freiwilligen-Rückkehrendenarbeit bei MISEREOR gegeben. Denn die Zeit in Casa Velha hielt genau das für uns bereit, was im sonst oft überfüllten, hektischen und kräftezehrenden Alltag meist zu kurz kommt: Zeit zum Zuhören und Vertrauen, für Ruhe und Verbindung, für Fragen nach dem wie und warum. Aus einem irreführenden, distanzierenden „Ich mache das für die Umwelt“ wurde durch die Bewusstmachung unserer Verbindung zum Land und den anderen Menschen ganz selbstverständlich ein „Das mache ich für uns und unser Zusammenleben“. Durch diese Verbindung, die sich auf konkrete Liebe und Dankbarkeit stützt, fallen viele Schritte zu einem nachhaltigeren Lebensstil und demokratischer Teilhabe viel leichter. Die unmittelbare Begegnung bringt uns aus der Gleichgültigkeit heraus und motiviert uns, uns zu kümmern und lebensbejahend Dinge anders zu machen. Zu wissen, dass diese Gedanken und die neue Motivation nun von all diesen passionierten, engagierten Menschen, die wir in Casa Velha kennenlernen durften, zurück an all die verschiedenen Orte getragen werden, an denen sie aktiv sind, und dass sie dort noch weiterwachsen können, gibt uns Hoffnung und wir sind dankbar, ein Teil davon zu sein.

P.S. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wo und wie die anderen Teilnehmenden engagiert sind, was wir von ihnen lernen konnten, empfehlen wir den aktuellen CIDSE-Film „The future lies with youth“, an dem Teilnehmende als Protagonist*innen mitgewirkt haben! Hier geht es zum Video mit deutschen Untertiteln.

Über die Autorinnen: Madita Teusen, Johanna Wagner, Nadja Pitter sind ehemalige Teilnehmerinnen am MISEREOR-Freiwilligendienst und haben im Rahmen der Rückkehrer*innenarbeit an einem Jugendcamp der CIDSE in Portugal teilgenommen.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Madita, Johanna und Nadja!
    Vielen Dank für euren ausführlichen und interessanten Bericht. Besonders beeindruckt haben mich euer persönliches Fazit, das ihr aus diesem Aufenthalt gezogen habt. Ganz verschieden, und trotzdem eint euch das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben, von dem ihr zehren könnt, das ihr weitergeben könnt, mit dem ihr an euch (und anderen) arbeiten könnt.
    Ich war 1990 einmal an einem ähnlichen Ort, in Tabgha, am See Genezaret. Das ist lange her, aber immer noch sehr präsent in meiner Erinnerung …
    Liebe Grüße aus der Misereor-Geschäftsstelle! Uta

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