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„Ich glaube fest an die Gestaltung lebenswerter, klimafreundlicher Städte“

Anumita Roychowdhury. Direktorin des Bereichs „Forschungs- und Lobbyarbeit“, des Center for Science and Environment (CSE), Neu-Delhi, Indien. Sie setzte sich, gemeinsam mit anderen, für die Durchsetzung eines Gesetzes ein, das saubere Luft in Delhi garantiert.

Anumita Roychowdhury Direktorin  Forschung und politische Anwaltschaft am Centre for Science and Environment
Anumita Roychowdhury Direktorin Forschung und politische Anwaltschaft am Centre for Science and Environment ©Dr. Axel Friedrich

Das sind meine Wurzeln

Ich heiße Anumita und habe schon immer in Neu-Delhi gelebt. Dort aufzuwachsen war für mich, als würde ich Guck-Guck mit dem Unbekannten spielen: Ich wusste nicht, was vor mir lag, aber war neugierig auf die aufregenden Möglichkeiten. Diese Neugierde weckte letztendlich auch mein Interesse für das Thema „Umweltverträglichkeit“ als Leitbild und Grundsatz von Entwicklung. In den frühen 1990er Jahren habe ich angefangen, mich im Bereich Forschung und Lobbyarbeit zu Umweltthemen zu engagieren. Dabei habe ich mich mit vielen verschiedenen Aspekten beschäftigt: der Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, der Verschmutzung von Wasser und Luft, dem Zugang zu Energie, der Klimapolitik und vieles mehr. Mit der Zeit galt mein Interesse aber immer mehr den Themen saubere Luft, sowie der Gestaltung klimafreundlicher, lebenswerter Städte. Ich kam mit wichtigen Akteur*innen in Kontakt, die sich für diese Themen einsetzen. Mit ihnen habe ich gelernt, was es braucht, um wirklich Veränderung zu bewirken.

Das verleiht mir Flügel

Meine persönliche Geschichte ist ein ständiges Experiment und ein ständiger Wandel von einer akademischen Forscherin zu einer Investigativjournalistin mit Schwerpunkt Umwelt hin zu einer Lobbyistin. Für mich fühlt sich jeder Tag an, als würde ich einen neuen Klassenraum betreten, um etwas Neues zu lernen – sei es zu einem ganz neuen Thema oder zu einem bekannten Thema aus einem anderen Blickwinkel. Meine Suche nach dem Grund, warum schmutzige Luft so tödlich ist, führte mich auf eine unglaubliche Reise zur Formulierung des Rechts auf saubere Luft, und Maßnahmen, dieses Recht umzusetzen. Es war inspirierend, Teil einer Kampagne zu sein, die Entscheidungen ausgelöst und beeinflusst hat, die den Fahrplan für saubere Fahrzeuge und Treibstoffe, saubere Energie, nachhaltige Mobilität und Kreislaufwirtschaft in Städten festlegen. Es war sehr motivierend, mit den lokalen und globalen Entscheidungsträger*innen in Kontakt zu treten und zu verstehen, was nötig ist, um einen Multiplikatoreffekt für das Gemeinwohl zu erzielen.

Dafür setze ich mich ein

Ich glaube wirklich an den Aufbau und die Gestaltung lebenswerter Städte mit sauberer Luft, sauberer Energie, Gerechtigkeit beim Zugang zu allen Dienstleistungen und an das Vermögen von Städten, resilient zu sein, also sich gegen den Klimawandel wappnen zu können. Dieser Glaube ist die stärkste Motivation für den Versuch, das Gespräch und die Praxis rund um die Themen Entwicklung und Nachhaltigkeit zu verändern. Das hat mich dazu gebracht zu informieren, zu provozieren, herauszufordern und Meinungen mit Wissenschaft und Fakten zu formen. Es geht auch darum, über das komplexe Thema „Entwicklung“ zu informieren, Zusammenhänge herzustellen und diese verständlicher zu machen. Denn Veränderung und Entwicklung verlaufen nicht nach Drehbuch.

Es muss etwas passieren, weil…

… niemand im Wettlauf um Nachhaltigkeit und Lebensqualität zurückgelassen werden darf.

Meine Arbeit ist getan, wenn…

… niemand mehr durch Luftverschmutzung stirbt. Das Erreichen dieses Ziels ist eine große, kollektive Verantwortung und ich bin nur ein kleiner Teil der Bewegung. Ich freue mich, wenn immer mehr Menschen sich des Problems und der Lösungen bewusst werden, wenn sie Lobbyaktionen unterstützen und die Politik so beeinflussen, dass eine wirkliche Veränderung möglich wird.

Frauen können…

… ausgewogene, differenzierte und sozialverträgliche Ansätze in Entscheidungsprozesse einbringen und gleichzeitig Umweltgerechtigkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit einbringen. Ein solcher Entwicklungsrahmen fördert Wandel.

Das Interview führte Ina Thomas


Hintergrund

Die Misereor-Partnerorganisation Center for Science and Environment, ein Thinktank in Indiens Hauptstadt Delhi forscht zu verschiedenen Themen im Bereich der Umweltwissenschaften. Ein Bereich ist die Transformation von Städten in gerechte, lebenswerte und soziale Orte.
Die Megacity Delhi ist mit etwa 31 Millionen Einwohner*innen die größte Stadt Indiens. Die Stadt wächst jedes Jahr um eine weitere Million Menschen. Außerdem gilt sie als die Stadt mit der giftigsten Luft der Welt. Obwohl nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ein PKW oder Motorrad nutzt, benötigen diese unverhältnismäßig viel wertvollen und knappen Raum und sie stoßen schädliche Abgase aus. Darunter leiden alle Menschen, doch am meisten arme Bevölkerungsgruppen, die im freien arbeiten und der schmutzigen Luft schutzlos ausgesetzt sind. Studien zufolge trifft dies auf ca. 85 Prozent der Bevölkerung Delhis zu.
Indien durchläuft aktuell eine rapide Urbanisierung. Es ist die umfangreichste der Menschheitsgeschichte. Prognosen besagen, dass sich die Zahl der Menschen, die in indischen Städten leben um 416 Millionen Menschen verdoppeln wird. Eine weitere Zahl steht im Raum: 50% der Infrastrukturen, die es im Jahr 2050 in Indien geben sollte, sind noch nicht vorhanden. Beide Faktoren zusammengenommen bedeuten, dass es aktuell einen großen Bedarf gibt, das Entstehen lebenswerter, sozial- und klimagerechter Städte voranzutreiben.
Das Center for Science and Environment untersucht genau solche Sachverhalte und ermittelt, wie zum Beispiel die Mobilität der Zukunft aussieht, die bezahlbar und nachhaltig ist und von der alle Menschen profitieren können. Zusätzlich setzt sich das CSE in Politik und Gesellschaft für ein Umdenken ein und versucht damit, die Umsetzung von nachhaltigen Maßnahmen im Bereich Stadtentwicklung voranzutreiben.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor.

Alle Interviews im Überblick ►


Geschrieben von:

Ina Thomas ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Misereor.

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