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„Frauen und Männer sind von Gott gleich erschaffen“

Yasmin Ahmed Khamis. Anwältin und Organisationsgründerin. Südsudan. Kämpft für ein gerechtes und funktionierendes Justizsystem, das auch die besonders sensible Situation von Frauen und Kindern berücksichtigt.

Starke Frauen - Yasmin aus dem Südsudan

Das sind meine Wurzeln

Ich bin Gott sehr dankbar für meinen verstorbenen Vater Ahmed Khamis und meine liebe Mutter Regina Andrea. Sie haben sich mit großer Liebe um mich gekümmert und mir gute Werte für das Leben vermittelt: Glaube, Fleiß, Selbstlosigkeit, Fürsorge für andere, Vergebung. Das hat mich geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Das verleiht mir Flügel

An erster Stelle ist Jesus Christus mein Vorbild und meine Inspirationsquelle. Er steht wie kein Anderer für wahre Liebe, Selbstlosigkeit, Vergebung und all die zutiefst menschlichen Werte. Zweitens sind mir alle Frauen und Männer weltweit, die sich unermüdlich für die Achtung der Menschenwürde und die Gleichstellung von Mann und Frau eingesetzt haben, Vorbild. Ihnen und Jesus Christus möchte ich mit meiner Arbeit nachfolgen.

Dafür setze ich mich ein

Täglich besuche ich die Gefängnisse und Verwahranstalten der südsudanesischen Hauptstadt Dschuba und der Umgebung und kümmere mich um verschiedene Rechtsfälle der dort inhaftierten Frauen und Kinder. Viele von ihnen sind zu Unrecht inhaftiert worden oder sind nur in Gewahrsam, weil sie niemanden haben, der sich um ihr Schicksal sorgt. Diesen Fällen nehme ich mich an. Zudem lebe ich in einem Haus für Straßenkinder, etwa 17 Kilometer außerhalb von Dschuba. Auch Kinder aus armen Familien der Region nehmen wir auf. Einige dieser Kinder wurden in Gefängnissen geboren, weil ihre jeweiligen Mütter zur Todesstrafe verurteilt wurden. Ihnen will ich eine Mutter sein und versuche, sie in allen Belangen zu unterstützen. Außerdem begleite ich eine Frauengruppe in einem Mikrokreditprojekt, mit dessen Hilfe die Frauen einen Weg aus der Armut finden können.

Meine Arbeit ist getan, wenn…

… ich erlebe, dass die Rechte von Frauen und Kindern gewahrt und dass sie mit Würde und Respekt behandelt werden. Ich fühle mich bestärkt, wenn ich sehe, dass sich viele andere Menschen genau wie ich engagieren und mit mir zusammenarbeiten, um Gerechtigkeit und Gleichheit zu fördern, ohne jegliche Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe.

Frauen können…

… sich von Theorien, Normen, Traditionen und Gesetzen emanzipieren, die sie zu Bürgerinnen zweiter Klasse machen. Frauen und Männer sind beide von Gott, dem Schöpfer, gleich erschaffen. Doch einige Traditionen, Normen und Gesetze haben zu Ungleichheit zwischen Männern und Frauen beigetragen. Dadurch wurde in manchen Ländern, insbesondere den sogenannten ‚Entwicklungsländern‘, sogar die Entwicklung behindert. Es braucht die Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen, um eine bessere Welt zu gestalten. Es gibt keine biologischen oder spirituellen Gründe, die die Ungerechtigkeiten rechtfertigen, die gegen Frauen in vielen Ländern begangen werden. Deshalb sollten Frauen aufstehen und sich zusammenschließen, um für ihre natürlichen Rechte einzutreten.


Hintergrund

Seit dem Bürgerkrieg (2013 – 2018) um politische Macht im Anschluss an die erst kurz davor erhaltene Unabhängigkeit im Jahr 2011 gilt der Südsudan als gescheiterter Staat. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in extremer Armut und der Staat ist nicht in der Lage seine grundlegenden Funktionen wie Bildung, Gesundheit und Wasserversorgung aufrecht zu erhalten. Davon ist auch das Rechtssystem betroffen, das geprägt ist von mangelnder Rechtssicherheit und fehlendem Zugang zu Rechtshilfe insbesondere der armen Bevölkerungsgruppen. Auch die Durchführung und Begleitung von Prozessen ist überwiegend mangelhaft. Inhaftierte müssen häufig selbst für kleine Vergehen unverhältnismäßig lange auf ein Verfahren warten. Auch Minderjährige werden ohne Prozess über lange Zeit im Gefängnis festgehalten. Insbesondere Frauen und Kinder erhalten durch das Rechtssystem keine faire Behandlung. Ihre Rechte werden vielfältig verletzt, es besteht die Gefahr, dass sie Opfer von Übergriffen werden und auch soziale Machtstrukturen wirken sich zu ihren Ungunsten aus. So werden Kinder und Frauen teilweise von ihren Familien in Polizeigewahrsam gebracht, um sie zu bestrafen.

In diesem Umfeld arbeitet die Misereor Partnerorganisation „Women and Equity“ (WEO), die von Yasmin Khamis 2011 gegründet wurde. Mehrere Anwältinnen engagieren sich ehrenamtlich für die Organisation und dienen den betroffenen Frauen und Kindern als Rechtsbeistand. Zudem bietet WEO Möglichkeiten zur psychosozialen Unterstützung und Traumabewältigung an. Neben dieser direkten Hilfe sollen auch strukturelle Veränderungen angestoßen werden. In Treffen mit Richter*innen, Staatsanwält*innen, Politiker*innen, der Polizei sowie mittels öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen informiert und sensibilisiert WEO für die Situation der inhaftierten Frauen und Kinder. WEO und Yasmin Khamis leisten somit einen Beitrag zu einem gerechten und funktionierendem Justizsystem, das auch die Bürgerrechte von Frauen und Kindern schützt.


Spendenprojekt: Südsudan – Schulen für eine friedliche Zukunft

Im Südsudan unterstützt Misereor den Aufbau von Schulen und die Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen. Hier können Sie mehr erfahren über die Misereor-Spendenaktion: Schulen für eine friedliche Zukunft.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor.

Alle Interviews im Überblick ►


Geschrieben von:

Corinna Würzberger ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kann Ihnen für Ihr Engagement in Sachen Gendergerechtigkeit in fast allem ein hohes Lob aussprechen; leider haben Sie hier mit keinem Wort einen Umstand erwähnt, der allem Reden über dieses Thema im Rahmen der röm.-Kath. Kirche jegliche Glaubwürdigkeit nimmt. In der Öffentlichkeit gelten wir deshalb als die stärksten Gegner einer Gendergerechtigkeit, selbst wenn das gar nicht der Fall ist – werden wir zu Recht daran gemessen.
    Solange wir Frauen das Priestertum verwehren, sind wir als die ewig Gestrigen verschrien und sprechen uns selbst das Urteil. Ein Kuschen vor Rom ist daher nun nicht mehr hinnehmbar, wenn selbst die deutschen Bischöfe auf dem Synodalen Weg mit über Zweidrittelmehrheit endlich einen Schlussstrich hinter diese leidige Thema ziehen wollen – und die sind alle nur Bischof geworden, weil Sie vor ihrer Wahl dazu eine gegenteilige Meinung vertreten haben.
    Vor wem also fürchten Sie sich jetzt noch immer? Mehr Mut, damit Sie sich selbst noch ins Gesicht sehen können, wäre fortan unbedingt angebracht. Werfen Sie mal einen Blick auf die Website von Maria 2.0 und stärken Sie dieser Gruppe, die das Kuschen vor Rom endlich leid ist, den Rücken. Denn erst, wenn wir alle in dieser Frage an einem Strang ziehen, ist Erfolg in Sicht.
    Je später sich dieser einstellt, umso stärker der Schaden für ein glaubwürdiges Priestertum heute. Sehen Sie das auch so?

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