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Allgemeine Gesundheitsversorgung für alle – eine verpasste Chance?

Im September treffen sich Staats- und Regierungschefs in New York zu einem Hochrangigen Gipfeltreffen zur allgemeinen Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage, UHC). Ziel des Gipfels ist es, den Zugang zu bezahlbaren und qualitativ hochwertigen Gesundheitsdiensten für alle Menschen in allen Ländern zu verbessern – eine Grundvoraussetzung, um auch die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bis 2030 zu erreichen.

In der Demokratischen Republik Kongo ist die Gesundheitsversorgung vielerorts unzureichend. Ultraschalluntersuchungen und anderen Behandlungen stehen nur wenigen zur Verfügung. © Soteras | Misereor

Bereits 2019 traf sich die internationale Staatengemeinschaft zu diesem Thema, aber die Ausgangslage ist mittlerweile eine völlig andere.

Vor vier Jahren lag die Verabschiedung der Agenda 2030 erst kurze Zeit zurück und es herrschte ein verhaltener politischer Optimismus, bis 2030 die geplanten Fortschritte in der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu erreichen. Während es damals ein Erfolg war, dass auf der Ebene der Vereinten Nationen erstmals eine gemeinsame internationale Deklaration zu UHC verabschiedet wurde, verpasste man es jedoch, zentrale Hürden für die Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu beseitigen.

So wurden beispielsweise in den Bereichen Gesundheitsfinanzierung, Zugang zu pharmazeutischen Produkten und universellen Gültigkeit von zu erbringenden Gesundheitsdienstleistungen nur unzureichende Vereinbarungen getroffen, die keine beschleunigte Umsetzung von UHC erwarten ließen. Dies bedeutete fatalerweise, dass für viele Menschen im Globalen Süden der Zugang zu einer bezahlbaren und die wichtigsten medizinischen Bedarfe abdeckenden Gesundheitsversorgung verwehrt blieb. Seitdem haben die weltweite Corona-Pandemie und dessen Folgen zu zahlreichen Rückschritten in der globalen Gesundheitsversorgung geführt.

Herausforderungen in der globalen Gesundheit seit 2019 immens gewachsen

Erstens hat die Corona-Pandemie zu einer Übersterblichkeit von schätzungsweise 14,83 Millionen Menschen geführt, von denen mehr als 100.000 in den Gesundheitssystemen arbeiteten und direkt gegen das Virus kämpften. Zweitens hat der globale Kampf gegen andere Krankheiten –wie HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria – drastische Einschnitte erlitten sowie die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern vielerorts Schaden genommen. Und drittens sind die Kosten für die Gesundheitssysteme aufgrund der Krisenreaktion im Zuge des weltweiten Ausbruchs von Corona immens gestiegen, sodass die medizinische Situation in einkommensschwachen Ländern heute zum Großteil noch problematischer ist als vor der Pandemie.

Diese gravierenden Entwicklungen haben nationale Gesundheitssysteme in vielen Ländern des Globalen Südens in eine angespannte Lage gebracht, während gleichzeitig die Finanzen der Staaten aufgrund stark eingeschränkter Handelsaktivitäten und hoher zusätzlicher sozialer und ökonomischer Kosten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Insgesamt 62 Länder wenden heute mehr finanzielle Mittel für den Schuldendienst auf als für die Gesundheitsversorgung. Infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine befeuern überdies gestiegene Nahrungsmittelpreise und Energiekosten die bereits hohen Inflationsraten, wodurch zusätzlicher Druck auf Regierungen, Gesundheitssysteme und die Bevölkerungen entsteht.

Folglich ist es dringender denn je, nationale Gesundheitssysteme zu stärken, deren nachhaltige Stabilität zu gewährleisten, ihre Finanzierung zu sichern sowie die Umsetzung von UHC zu beschleunigen. Denn eine angemessene Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht, das überall auf der Welt gilt. Daher sollte das hochrangige Treffen im September eine Deklaration verabschieden, die konkrete und messbare Lösungswege für die Problematiken aufzeigt.

Abschlusserklärung zu schwach

Leider spiegelt der jetzige Entwurf der Abschlusserklärung in wesentlichen Teilen die Vereinbarung von 2019 wider, mit all ihren Problemen und aufgezeigten Schwächen. Erneut wird die Universalität von UHC durch einen zu großen Fokus auf die Entscheidungshoheit der einzelnen Nationalstaaten geschwächt. Abermals finden bestimmte marginalisierte Menschengruppen, wie beispielsweise HIV-Schlüsselgruppen, keine explizite Erwähnung. Zudem werden weder Lösungsvorschläge für die Unterfinanzierung der Gesundheitssysteme in den Niedrig- und Mitteleinkommensländern vorgebracht, noch auf die Kernursachen dieser Unterfinanzierung hingewiesen (u.a. Steuervermeidung und -hinterziehung). Erschwerend kommt hinzu, dass es die Vertragsstaaten bei der Frage des gerechten Zugangs zu pharmazeutischen Produkten versäumen, die Lehren aus der weltweiten Unterversorgung mit COVID-19-Impfstoffen im Pandemieverlauf zu ziehen und wesentliche Verbesserungen in den Bereichen Verteilung, Finanzierung sowie Forschung und Entwicklung aufzunehmen.

Angesichts der krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre ist dies politisch absolut inakzeptabel und entschlossenes Handeln in Anbetracht der globalen Herausforderungen und Risiken wichtiger denn je. Die politisch Verantwortlichen dürfen die Gelegenheit beim UHC-Gipfel  nicht verstreichen lassen. Es muss stattdessen in einer neubegründeten internationalen Solidarität für die Gesundheit aller Menschen dieser Welt münden, wenn das Ziel einer allgemeinen Gesundheitsversorgung für alle bis 2030 erreichbar bleiben soll.



Der Autor Tilman Rüppel ist Referent für Advocavy-Arbeit
beim Institut für Gesundheit weltweit „Medmissio“.

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Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

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