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Obdachlosen in Indien „zu einem würdigeren Leben verhelfen“

Indien ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt, es hat in seiner Bevölkerung auch die weltweit höchste Zahl an obdachlosen Menschen. Wenig bekannt ist, dass viele von ihnen unter psychischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen leiden. Die Misereor-Partnerorganisation Iswar Sankalpa in Kalkutta widmet sich der Rehabilitation und Integration dieser Menschen. Sarbani Das Roy, Leiterin der Organisation, hat Misereor in Aachen besucht und von ihrer Arbeit in Kalkutta berichtet.

Gruppenfoto der Iswar Sankalpa- und Misereor-Mitarbeinden
Misereor-Mitarbeitende beim Besuch von Iswar Sankalpa im November 2022. © Misereor

Da in Kalkutta mehr als 150.000 Obdachlose leben, steht Iswar Sankalpa dort vor großen Aufgaben. Das Leben auf der Straße ist herausfordernd. Viele Menschen geraten erst aufgrund von psychischen Erkrankungen und Behinderungen in die Obdachlosigkeit. Andere haben die Erkrankungen während ihrer Zeit auf der Straße entwickelt. Die Betroffenen kämpfen mit Diagnosen wie Depression, Schizophrenie, Borderline, dem Asperger-Syndrom, Psychosen und verschiedenen Abhängigkeiten. Dementsprechend benötigen sie therapeutische Unterstützung und medikamentöse Behandlung, die sie sich in aller Regel jedoch nicht leisten können. Passende Hilfsangebote sind Mangelware, der Zugang zu staatlichen Gesundheitsdienstleistungen wird kaum gewährt oder ist zu teuer. Meist werden die Betroffenen mehrfach marginalisiert: Aufgrund ihrer Obdachlosigkeit, Erkrankungen und meist auch aufgrund einer niedrigen oder fehlenden Kastenzugehörigkeit werden sie gesellschaftlich kaum wahrgenommen und missachtet.

Oft diskriminiert, selten beachtet

Dieser Problematik hat sich Sarbani Das Roy angenommen. Die Sozialarbeiterin gründete die Organisation Iswar Sankalpa 2007 zusammen mit einem Psychiater, um Menschen ohne Dach über dem Kopf zu einem würdigeren Leben zu verhelfen. Sarbani erläutert, wie es zur Gründung kam: Sie beobachtete, wie ein obdachloser Mann einen Mülleimer nach Essbarem durchwühlte. Nichts Ungewöhnliches in Kalkutta – Obdachlosigkeit gehört dort zum gängigen Stadtbild. Doch sie wunderte sich, denn direkt gegenüber war eine Armenspeisung, an der er jedoch nicht teilnahm. Sarbani erfuhr, dass der Mann unter einer geistigen Behinderung litt und gar nicht wusste, dass es die Armenspeisung gibt. Daraufhin fand sie heraus, dass es viele Obdachlose mit psychosozialen Problemen in Kalkutta gibt, die diskriminiert werden. Oftmals halten sie sich von anderen Menschen fern, teils wegen schlechter Erfahrungen oder weil sie wegen ihrer Verhaltensauffälligkeit von anderen gemieden werden.

Eingangsschild der Obdachlosennotunterkunft unserer Partnerorganisation Iswar Sankalpa
Der Eingang zur nächtlichen Notunterkunft der Organisation. © Misereor

Nicht sichtbare Erkrankungen

Während körperliche Erkrankungen sichtbar sind, stellen psychische Leiden ein großes Problemfeld dar. Allein „25 Prozent der indischen Obdachlosen haben eine psychische Krankheit“ berichtet Das Roy. Doch gerade für Obdachlose ist mentale Gesundheit in ihrem schwierigen Lebensumfeld enorm wichtig: „Die psychische Genesung ist oft wichtiger als die klinische Heilung, um Menschen einen Lebenssinn zu geben.“ Die Organisation unterstützt als 24-Stunden-Wohnunterkunft mit Gesundheitsangeboten eben diese Genesung. Doch die Arbeit von Iswar Sankalpa richtet sich auch an die übrige Gesellschaft: Durch Bewusstseinsbildung, Aufklärung über mentale Gesundheit und die Prävention von Obdachlosigkeit. Die Prävention gelingt durch die Partnerschaft mit der „Kolkata Municipal Corparation“, welche in ihren Gesundheitszentren eine erschwingliche und gerechte psychische Gesundheitsversorgung anbietet. So können Betroffene behandelt und stabilisiert werden, bevor es zur Obdachlosigkeit kommt.

Der lange Weg zurück

Wenn neue Klient*innen zu Iswar Sankalpa kommen, werden zuallererst die Grundbedürfnisse gestillt: durch Mahlzeiten, eine sichere nächtliche Unterkunft und gesundheitliche Notversorgung. Doch für die Rehabilitation sind weitaus mehr und umfangreichere Maßnahmen notwendig. „Wenn sie erstmal obdachlos sind, ist es ein langer Kampf“ berichtet Das Roy aus ihrer Erfahrung als Sozialarbeiterin. Dennoch gibt es Erfolgsgeschichten und verschiedene Maßnahmen, die den Betroffenen den Weg zurück in ein menschenwürdigeres Leben ebnen können. Mit Wohngemeinschaften, Alphabetisierungskursen, einfachen Berufsausbildungen (wie Nähen, Sticken, Kochen oder Backen) und der Ausbildung lokaler Führungskräfte ist Iswar Sankalpa die Reintegration bereits mehrfach gelungen. Dafür wurde sogar ein Café ins Leben gerufen: Im „Crust & Core“ arbeiten Obdachlose mit psychosozialen Problemen und übernehmen Caterings. Zu den Kunden zählt zum Beispiel auch die Deutsche Botschaft, wie Das Roy stolz erzählt.

Nähkurs für Obdachlose
Hier findet ein Nähkurs statt. Viele der Betroffenen möchten eine Aufgaben übernehmen und nicht untätig sein. © Misereor

Etwas zurückgeben

Bei der Arbeit mit Hilfsbedürftigen hat Das Roy bemerkt: „Sie wollen nicht für immer Empfänger*innen sein. Sie wollen etwas zurückgeben.“ Und genau bei diesem Bedürfnis könne man ansetzen, um eine Rehabilitation zu bewirken. So berichtet Das Roy von der Geschichte einer Mitarbeiterin des Cafés: „Die örtliche Polizei traf auf eine junge Frau in Not: Sie trug ein Kleid mit schwarzen Flicken und hatte verfilzte Haare. Sie war beunruhigt über Stimmen in ihrem Kopf, die ununterbrochen weinten und schrien; sie war wütend auf alle um sie herum. Sie wurde 2019 in unsere Unterkunft gebracht und begann, sich aktiv an allen Aktivitäten zu beteiligen. Später erfuhren wir, dass sie Tumpa heißt. Ende 2021 begann sie mit der Arbeit in unserem Café Crust & Core und wurde zum geschätzten Mitglied des Cafés. Sie bringt nun mit einem Lächeln im Gesicht leckere Backwaren auf den Markt.“

Zeitintensiver Rückführungsprozess

Bei der Rehabilitation spielt außerdem die Familie der Betroffenen eine wichtige Rolle. „Das indische Gesundheitssystem beruht auf der Familie“, sagt Das Roy. Daher versucht die Organisation, die Obdachlosen in ihre Familien zurückzuführen. Jedoch gibt es dabei große Schwierigkeiten, da Stigmatisierung und eine Art „Legendenbildung“ Hindernisse darstellen: Viele Angehörige wollen die Obdachlosen nicht mehr in ihre Familie aufnehmen oder zieren sich mit der Erwartung, dass Betroffene erst „durchs Feuer gehen müssen“, um sich den Platz in ihrer Familie zurück zu erkämpfen. Andererseits wollen viele Betroffene gar keinen Kontakt mehr zu ihren Familien haben. Es kommt auch vor, dass Familienangehörige gar nichts von der Obdachlosigkeit wissen, da viele versuchen, diese aus Scham und Furcht zu verheimlichen. Der Rückführungsprozess in die Familien gestaltet sich daher langwierig und zeitintensiv. Dennoch ist es Iswar Sankalpa bereits gelungen, 600 Menschen in ihre Familien zurückzuführen. Das freut Das Roy besonders: „Sie sind nicht unsichtbar. Sie haben eine Stimme. Und wir hören ihre Stimme.“

Das von Obdachlosen geführte Café Crust & Core in Indien
Das Café Crust & Core dient zur Rehabilitierung und ermöglicht den Obdachlosen einen Berufsalltag. © Misereor

Stigmatisierung überdenken

Wiederholt betont Das Roy, dass die gesellschaftliche Stigmatisierung ein großes Problem im Umgang mit den Menschen sei.“ Veränderungen in dieser Hinsicht seien nur gesamtgesellschaftlich möglich und setzten einen öffentlichen Diskurs voraus. So sind es oftmals Perspektiven und Chancen die den Betroffenen verwehrt blieben. Iswar Sankalpa zeigt, dass es mit Geduld, medizinischer sowie psychischer Betreuung und Teilhabemöglichkeiten gelingen kann, den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen. Auch wir können den eigenen Umgang mit der Thematik hinterfragen und uns der Stigmatisierung entgegensetzen.


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Portrait einer Mitarbeiterin

Charleen Kovac ist Volontärin in der Kommunikationsabteilung von Misereor.

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