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MISEREOR-Hungertuch Künstler Chidi Kwubiri: Kunst ist mir angeboren

Das MISEREOR-Hungertuch ist zentraler Bestandteil der MISEREOR-Fastenaktion. Jedes Jahr verwenden Gemeinden und Schulen die Szenen des Bildes, um sich in der Fastenzeit und darüber hinaus mit drängenden Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen.“Ich bin, weil du bist“ ist der Titel des Hungertuchs zur Fastenaktion 2017 – der Künstler Chidi Kwubiri lädt damit ein zum Dialog über die Art und Weise, wie wir Menschen einander näher kommen und miteinander Zukunft gestalten können. Im Interview spricht er über seine Kindheit in Nigeria, seine Leidenschaft zur Kunst und seine Inspiration.

1966 im Südosten Nigerias geboren: Der in Köln lebende Hungertuch-Künstler Chidi Kwubiri. Fotos: Dieter Härtl/MISEREOR

1966 im Südosten Nigerias geboren: Der in Köln lebende Hungertuch-Künstler Chidi Kwubiri. Foto: Dieter Härtl/MISEREOR

Herr Kwubiri, Sie wurden in Nigeria geboren und sind später nach Deutschland gezogen. Wie begann Ihre Laufbahn als Künstler in Nigeria?

Aufgewachsen bin ich in einem winzigen Dorf namens Amafor in der Provinz Abia zur Zeit des Biafra-Krieges. Als ich auf die Welt kam, gab es bei uns keinerlei Informationen über Kunst. Bildung fehlte, es gab keine Smartphones und kein Internet um herauszufinden, was anderswo in der Welt passiert. Und doch hatte ich schon als Kind das Gefühl, Maler werden zu wollen. Ich wusste nicht einmal, was ein bildender Künstler macht, aber ich zeichnete mit den Fingern auf den Boden. Es gab kein Geld für Schiefertafeln, Zeichenblöcke oder Stifte. Als ich älter wurde, war für mich klar, dass mich nichts glücklicher machen würde, als bildender Künstler zu werden. Meine Eltern haben das nicht verstanden, aber das war mir egal. Ich musste eine Menge Prügel einstecken – und doch hat mich das nicht aufgehalten: Es steckt tief in mir.

Warum haben Sie sich entschlossen, alles hinter sich zu lassen und aus Nigeria wegzugehen?

Ich bin religiös, ich glaube fest an Gott. Da gibt es eine Stimme, da ist etwas in mir, das Macht über mich hat. Etwas, das mich in meinem Leben leitet und begleitet. Als junger Künstler habe ich meine Mutter und meine Geschwister versorgt. Die Erwartungen waren groß. Also nahm ich Auftragsarbeiten an. Wenn ich aufgehört hätte, Porträts von Politikern und Bankdirektoren zu malen, wären meine Einnahmen versiegt und ich hätte Probleme bekommen, meine Miete zu zahlen, meine Mutter zu unterstützen, für meine Geschwister aufzukommen. Während es damals eigentlich gut lief für mich, sagte diese innere Stimme: „Chidi, das kann nicht alles gewesen sein. Es gibt ein höheres oder tieferes Wissen von Kunst, das du dir aneignen musst.“ Und diese Stimme hat mich dann bewogen, meine Heimat zu verlassen. Ich habe mich nicht gefragt, wie es funktionieren kann. Ich hatte keine Einladung, niemand wartete auf mich. So kam ich nach Deutschland: Erst nach Frankfurt und dann nach Bonn. Das war mein Ziel: Bonn Hauptbahnhof. Da setzte ich mich auf eine Bank und hatte keine Vorstellung, was ich dort machen oder wohin ich gehen sollte. Ich erinnere mich, dass ein Afrikaner an mir vorbeiging. Gegen 16 oder 17 Uhr kam er wieder an mir vorbei. Ich saß immer noch am selben Fleck. Unsere Blicke trafen sich, er kehrte um und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich war so dankbar dafür, dass mir jemand Hilfe anbot. Er brachte mich zu einer nigerianischen Gruppe, dort bekam ich etwas zu trinken, etwas zu essen … von da an begann mein Leben neu.

Das MISEREOR-Hungertuch 2017 "Ich bin, weil du bist" von Chidi Kwubiri. MISEREOR lädt mit diesem Hungertuch zu einem Dialog ein über die Art und Weise, wie Menschen einander näher kommen und miteinander Zukunft gestalten können.

Das MISEREOR-Hungertuch 2017 „Ich bin, weil du bist“ von Chidi Kwubiri. MISEREOR lädt mit diesem Hungertuch zu einem Dialog ein über die Art und Weise, wie Menschen einander näher kommen und miteinander Zukunft gestalten können. Foto: Dieter Härtl/MISEREOR

In den Nachrichten hören wir von Krisen auf der ganzen Welt und sehen Menschen, die unter Mühen ihr Land verlassen, weil sie auf ein besseres Leben hoffen oder sich dort nicht mehr sicher fühlen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder sehen?

Während des Biafra-Krieges habe ich all den Schmerz und das Leid um mich herum wahrgenommen. Ich erinnere mich an diesen Überlebenskampf, an ein Leben nur von einem Tag zum anderen. Ich war stark unterernährt. An einem Tag, auf der Flucht vor dem Krieg, mussten wir über eine schmale Planke laufen, die als Brücke über einen kleinen Fluss führte. Hinter uns fielen Bomben. Meine Mutter hielt mich beim Überqueren an der Hand. Ich war sehr sehr schwach, zitterte am ganzen Leib und konnte keinen Schritt vorwärts gehen. In dieser Situation waren meine Eltern furchtbar verzweifelt und hätten mich beinahe opfern müssen, um zumindest meine Geschwister retten zu können. Die Flüchtlingskrise, die wir gerade erleben, bringt diese Erinnerungen und auch die, wie ich in Bonn am Hauptbahnhof gestrandet bin, zurück. Auch wenn die Lage dort für mich nicht lebensbedrohlich war, spürte ich eine große Hilflosigkeit. Ich war überglücklich, jemanden zu treffen, der mit mir wie mit einem menschlichen Wesen sprach. Es gilt, diese Leute zuallererst wie menschliche Wesen zu behandeln, mit Respekt. Sie haben Würde. Wir müssen das Notwendige tun, um ihnen das Gefühl zu geben, Mensch zu sein. Es geht nicht nur allein darum, ihnen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen.

Als Sie nach Deutschland kamen, konnten Sie an der Kunst-Akademie studieren…

Ich habe damals die Kunstakademie Düsseldorf aufgesucht und hatte dort Gelegenheit, Prof. Buthe kennenzulernen. Ich war froh, dass der Professor überhaupt mit mir sprach, einem jungen armen Künstler aus Nigeria. Nachdem er sich einige meiner Werke angeschaut hatte, nahm er mich als Gaststudent in seine Meisterklasse auf. Das Glück wollte es, dass ein paar Wochen später eine Jury von einer Düsseldorfer Stiftung an die Akademie kam. Sie sahen meine Arbeiten und wählten mich aus, obwohl ich nicht einmal regulärer Student war. Im Jahr darauf wurde dann meine Bewerbung zum Studium angenommen und ich durfte mich offiziell an der Kunstakademie einschreiben!

Es dauert mehrere Stunden, bis Chidi Kwubiri die Leinwand mit seiner furiosen Dripping-Technik grundiert hat.

Es dauert mehrere Stunden, bis Chidi Kwubiri die Leinwand mit seiner furiosen Dripping-Technik grundiert hat. Foto: Dieter Härtl/MISEREOR

Ich weiß, dass Sie nicht gerne viel über Ihre Kunst reden, aber ich wüsste gerne, woher Sie Ihre Inspiration beziehen?

Ich erstelle gerne Arbeiten, die einen Bezug zu Menschen und zu den Traditionen meines Volkes haben. Wir haben als Kinder viel mit Masken gespielt. Ich erinnere mich an keine einzige Person in meinem Dorf, die ein Auto oder einen Fernseher besaß. In meiner Jugend hatten wir nur diese Masken und unsere traditionellen Tänze und Feste. Diese Erinnerungen sind lebendig in mir und inspirieren mich. Bei manchen Gemälden sieht man auf den ersten Blick die Maske nicht und muss erst ganz nah an das Bild herantreten, um dann wieder auf Abstand zu gehen. Das ist für mich, was Kunst ausmacht: Man muss ein zweites und drittes Mal hinschauen, bevor man ein Bild ganz erfasst hat. Für mich ist die Anziehungskraft eines Werks sehr wichtig. Ich wähle eine attraktive Gestaltung sogar dann, wenn es um sehr ernste und harte Themen geht, die das Publikum abstoßen und über die man nur mit Mühe sprechen kann. Bei einem meiner Werke etwa geht es um Beschneidung, die Verstümmelung von Frauen. Man merkt das beim Betrachten des Werkes erst gar nicht. Man tritt näher heran, um das Bild, die Farbe in sich aufzunehmen, weil es eine Sogwirkung entfaltet. Ich nutze diesen Effekt, um die Leute ganz nah heranzuholen. Das Werk ist in einem sattem Rot gehalten und ich verwende eine Rasierklinge als Art Schmuck für ein junges Mädchen. Bevor man sich dessen bewusst ist, ist man in diese schwierige Diskussion verstrickt.

Was war Ihre Inspiration für das Hungertuch ?

Die Inspiration für das Motiv sind die zwei längsten Flüsse in Nigeria: die Ströme Niger und Benue. Sie fließen bei Lokoja zusammen und  von dort an friedlich geeint und gestärkt weiter, obwohl sie aus verschiedenen Quellen stammen. Der Niger ist schlammig, gelb, fast rostfarben. Der Benue ist von blau-grünlicher Farbe. Wenn diese beiden Naturkräfte tatsächlich zusammenkommen können, sich gegenseitig beeinflussen und stärken können, sich ansehen und sagen können: „Schau, ich bin, weil du bist“, dann ist das genau das, was ich versuche auszudrücken. Und das bringe ich mit meinem ganzen Leben in Verbindung. Ich glaube an Gott. Was immer ich heute bin: Ich glaube fest daran, dass Gott da ist und dass ich ohne ihn nicht sein würde. Also können wir weitergehen und sagen: „Wir sind, weil er ist.“ Der Niger und der Benue haben mich dazu inspiriert.  Es geht um Vielfalt und Einheit: auch wenn wir verschiedenen Ursprungs sind und verschiedene Identitäten haben.

Gibt es in Ihrer Arbeit einen spezifisch afrikanischen Geist?

Für mich ist die Welt immer eine Welt der Vielfalt. Was mich zu dieser Vorstellung gebracht hat, ist der  Frieden: zwei unterschiedliche Dinge können tatsächlich zu einer Einheit zusammenkommen – in Frieden, in Ruhe, in Gelassenheit. Für mich ist es wichtig, dass Menschen dieses Gefühl der Einheit haben, unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen oder ihrer Herkunft.

Zweimal hat MISEREOR-Geschäftsführer Pirmin Spiegel den Künstler in seinem Atelier in Köln-Pulheim besucht und die Entstehung des Hungertuchs begleitet.

Zweimal hat MISEREOR-Geschäftsführer Pirmin Spiegel den Künstler in seinem Atelier in Köln-Pulheim besucht und die Entstehung des Hungertuchs begleitet. Foto: Dieter Härtl/MISEREOR

Was bedeutet die Natur für Sie?

Ich bin hier in meinem Atelier und spüre die Sonne auf meiner Haut und sehe sie durch die großen alten Bäume scheinen, wenn ich nach draußen schaue. Das hilft mir auch, zu meditieren und darüber nachzudenken, wie ich meine Arbeit verbessern kann oder wie ich ein Problem löse. Denn man kämpft jeden Tag mit der Leinwand. Es ist einfach Teil des Lebens, selbst wenn man, was man tut, mit viel Leidenschaft tut. Manchmal, wenn etwas allzu widerspenstig und vertrackt ist, lasse ich es auch einfach so, wie es ist. Und manchmal, wenn ich es so lasse, ist es dann ganz in Ordnung. Es trifft nicht zu, dass jedes Werk, das ich beginne, am Ende hundertprozentig so aussieht, wie ich das wollte.  Manchmal überlasse ich es dann einfach dem Werk, sich zu entwickeln. Das ist das Leben –  und es ist gut so.

Das Interview führte Inka Dewitz, Perfect Shot Films Berlin. Übersetzung ins Deutsche: Barbara Kochhan, Duisburg.


Weitere Informationen zum Hungertuch

Lernen Sie das MISEREOR-Hungertuch 2017 „Ich bin, weil du bist“ kennen

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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