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Eskalation: Die aktuelle Lage im Nahen Osten

Bomben und Granaten schlagen ein, Menschen fliehen von einem Krisengebiet in das nächste, die Menschen leiden Hunger und können kaum medizinisch versorgt werden: Die Situation im Nahen Osten spitzt sich immer weiter zu. Es vergeht kein Tag, an dem keine Schreckensnachrichten bekannt werden. Trotz allem besuchte die MISEREOR-Länderreferentin Astrid Meyer kürzlich mehrere Projektpartner in Syrien, Irak-Kurdistan und dem Libanon. Im Interview berichtet sie von ihren Erlebnissen und Eindrücken.

Nahost-Expertin Astrid Meyer

MISEREOR-Länderreferentin Astrid Meyer besuchte kürzlich Projektpartner in Syrien, im Libanon und im Nordirak © MISEREOR

Heute Morgen erreichte uns die Meldung, dass die syrische Armee das Rebellengebiet in Aleppo in zwei Teile zerschlagen hat. Gleichzeitig wird über die schlechte Versorgungssituation und den Einsatz von Giftgas berichtet. Wie ist aktuell die Lage in Aleppo?

Am dramatischsten ist die Situation im belagerten Ost-Aleppo. Die Lebensmittelvorräte gehen zur Neige, Trinkwasser und Strom gibt es nur noch stundenweise – die medizinische Versorgung ist nahezu zerstört. Auch in West-Aleppo wird es schwieriger, bestehende Hilfe aufrecht zu erhalten, denn auch dort kommt es immer häufiger zu Kämpfen. Uns wird berichtet, dass Chlorgas eingesetzt wurde. Außerdem blockieren die Behörden Zugangswege, behindern Krankentransporte und Hilfslieferungen.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass acht von neun Krankenhäusern in Aleppo außer Betrieb sind. Die Franziskaner sind eine der wenigen Organisationen, die noch vor Ort sind. Wie schafft es der Orden, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen?

Die Franziskaner sind in mehreren Regionen Syriens aktiv: Aleppo, Damaskus, Latakia und Yacubieh-Knayeh, an der türkischen Grenze. Die Arbeit entspricht der jeweils unterschiedlichen Situation. In Aleppo ist es vor allem die Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Medikamenten. Sowohl in Yacubieh-Knayeh, einem Gebiet, das wieder vom selbsternannten Islamischen Staat (IS) kontrolliert wird, als auch in Aleppo ist der Alltag der Menschen extrem gefährlich. Als eine der wenigen Organisationen, die dort noch Hilfe leistet, bleibt ihre Arbeit besonders wichtig.

Was muss man sich vorstellen, wenn Sie von extrem gefährlichen Situationen sprechen?

Während meines Besuches in Damaskus traf ich unter anderen franziskanische Ordensschwestern. Eine von ihnen wurde in Yacubieh-Knaye mehrere Tage vom IS als Geisel gehalten, sie kann über das Erlebte kaum sprechen. Die Franziskaner ziehen daraus natürlich Konsequenzen: Bis auf weiteres sind jetzt keine Ordensschwestern mehr in Yacubieh-Knayeh. Ein Ordensbruder bleibt auf eigenen Wunsch dort und lebt ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen vor.

Wie schätzen Sie generell die aktuelle Situation im Nahen Osten ein und wie entwickelt sie sich Ihrer Meinung nach?

„Schwierig“ beschreibt es am besten. In Syrien erreicht der Krieg immer neue Eskalationsstufen. Die Intervention  Russlands und jüngst der Türkei hat die Konfliktdynamik  weiter polarisiert. Auch die Situation im Irak spitzt sich weiter zu. Human Rights Watch belegt Misshandlungen sunnitischer Zivilisten durch die kurdischen Peschmerga in den vom IS ‚befreiten‘ Dörfern im Einzugsgebiet von Mossul. Ich teile die Warnungen, dass der Irak auf einen Bürgerkrieg zuzusteuern droht. Die Region ist viel zu sehr gespalten und zerstritten, als dass eine zivile Lösung der Auseinandersetzungen abzusehen wäre.

Das irakische Militär und seine Verbündeten rücken immer weiter auf Mossul vor. Beinahe täglich hört man von neuen Erfolgen, aber auch Misserfolgen. Wie ist aktuell die Lage der Menschen im Nordirak und Kurdistan?

Vor der Offensive des irakischen Militärs in Mossul haben alle damit gerechnet, dass die Zahl der Binnenflüchtlinge noch weiter zunehmen wird – die UN hatte mit bis zu einer Million Flüchtlingen gerechnet. Bisher sind etwa 70.000 Menschen aus Mossul nach Irak-Kurdistan geflohen. Das liegt auch daran, dass die Menschen überhaupt nicht die Möglichkeit haben, zu fliehen. Der IS hat wichtige Zufahrtsstraßen und Brücken gesprengt und nimmt Geiseln als menschliche Schutzschilde. Die Menschen sind buchstäblich zwischen die Fronten geraten. Die von den Vereinigten Staaten geführte Militärallianz hat einen Fluchtkorridor Richtung Syrien vorgesehen, was absolut problematisch ist. Syrien rechnet mit 100.000 Flüchtlingen. Das Gebiet dort wird vom IS kontrolliert.

Welche Auswirkungen hat das auf die Partnerorganisationen von MISEREOR vor Ort?

In Irak-Kurdistan wird die bestehende Projektarbeit fortgesetzt und veränderten Bedarfen angepasst. Die Jiyan Foundation for Human Rights, engagiert sich für syrische und irakische Binnenflüchtlinge sowie schwerpunktmäßig für zwangsvertriebene Jesiden. Weil sich die Offensive um Mossul seit langem ankündigte und sich bereits Engpässe bei Medikamenten abzeichnen, hat die Foundation zusätzliche Mittel für Medikamente zur Ausstattung der sechs Regionalzentren und „mobilen“ Teams beantragt. In diesen Zentren erhalten die Menschen eine psychologische Betreuung und Beratung sowie eine medizinische Grundversorgung. Ein anderer Aspekt sind fehlende Fachkräfte. Weil es an qualifiziertem Personal fehlt, bildet die Jiyan Foundation mittlerweile selber Therapeuten aus. Wir unterstützen das sehr, vor allem weil die Ausbildung den Menschen hoffentlich auch eine langfristige Perspektive eröffnet.

In Europa wird wieder über den Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge diskutiert. Einige Länder sträuben sich vehement, obwohl es sich nur um die Aufnahme von wenigen Tausend handelt. Der Libanon hat seit Beginn der Unruhen 1,5 Millionen Syrer und 800.000 Iraker aufgenommen. Wie geht das Land mit den Flüchtlingsströmen um?

Vor allem durch kirchliches und ziviles Engagement wird ein Minimum an Aufnahmestrukturen gesichert. Die UN leistet Unterstützung mit dem Nötigsten: Trinkwasser, Lebensmitteln und Basisgesundheit wie zum Beispiel in den spontan errichteten Zeltstädten in der Bekaa-Ebene. Viele Libanesen zeigen sich noch solidarisch mit den Flüchtlingen. Allerdings wird die Stimmung immer aggressiver. Immer mehr Syrer visieren zum Beispiel an, sich zumindest mittelfristig eine Perspektive im Libanon aufzubauen. Damit stehen sie in Konkurrenz zu den Einheimischen auf dem ohnehin schon angespannten Arbeitsmarkt. Man setzt nun große Hoffnungen in den neuen Präsidenten – durch eine funktionierende Regierung sollen die Dinge geordnet werden.

Worum bemühen sich die Hilfsorganisationen in Beirut im Libanon? Und warum können syrische Jugendliche keine libanesischen Schulen besuchen?

Ein Programm einer unserer Partnerorganisationen, der Pontifical Mission Beirut richtet sich an syrische Jugendliche palästinensischer Herkunft. Diese können in den Schulen der Organisation ihr Abitur nach syrischem Curriculum machen. Das schafft eine klare Rückkehrperspektive nach Syrien, die sich die allermeisten für sich erhoffen.

Der Jesuit Refugee Service wiederum bemüht sich darum, syrische Flüchtlingskinder so zu qualifizieren, dass sie in das libanesische Schulsystem integriert werden können. Dazu sind vor allem Englisch- und Französisch-Kurse nötig, da der Schulunterricht in diesen Sprachen stattfindet und nicht wie in Syrien auf Arabisch. Ein anderes großes Problem ist, dass die meisten Schulen im Libanon Privatschulen sind – nur noch 30 Prozent der Jugendlichen gehen auf öffentliche Schulen.

Gibt es noch etwas, das Sie von Ihrer Reise mitgenommen haben?

Die Hilfe seitens Deutschlands wird in allen Ländern der Region sehr geschätzt. Viele Iraker haben Angehörige in Deutschland, außerdem ist Deutschland im Gegensatz zu Frankreich und England nicht durch die Kolonialzeit negativ vorbelastet. Den Menschen ist vollkommen egal, wer an den Auseinandersetzungen beteiligt ist und wie: sie wollen einfach ein geregeltes Leben und vor allem Perspektiven. Dazu tragen die MISEREOR-Partner entscheidend, zum Beispiel durch Bildungsprojekte, bei.

Das Interview führte Eileen Abert.


Weitere Informationen zur MISEREOR-Projektarbeit im Nahen Osten finden Sie hier.

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