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Agrarinvestitionen in Tansania: Der Zaun bekommt Löcher

MISEREOR-Partner aus Tansania äußern sich seit Herbst 2012 zunehmend besorgt über die Präsenz ausländischer Investoren und die Übernahme großer Landflächen. Die Folgen sind Landraub, Landverknappung und Landkonflikte. Doch gerade der Zugang zu Land ist in Tansania lebenswichtig: Rund 80 Prozent der Menschen leben von Landwirtschaft und Tierhaltung. Vor rund einem Jahr veröffentlichte MISEREOR zusammen mit Partnern aus Tansania die Studie „Allianz der Zäune – großflächige Agrarinvestitionen in Tanzania“; Was sich seitdem getan hat, berichtet der Journalist und Dozent Denis Mpagaze, der das Thema Agrarinvestitionen in Tansania  begleitet.

Der Journalist Denis Mpagaze aus Tansania hat einen Film über die Folgen von Agrarinvestitionen für Kleinbauern in seiner Heimat Tansania gemacht. Foto: Maurice Ressel/MISEREOR

Sie haben auf Basis der Ergebnisse der Studie „Allianz der Zäune“ einen Film gedreht, warum?

In Tansania erreicht man die Leute am ehesten, wenn es etwas zu sehen gibt. MISEREOR hat deshalb meine Idee unterstützt, einen Film auf Basis der Ergebnisse der Studie „Allianz der Zäune“ zu drehen.  Ich bin in die betroffenen Dörfer gefahren und habe dort Interviews mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gemacht. Ich finde, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wir haben den Film im Fernsehen gezeigt, in den sozialen Medien verbreitet, auf lokalen und internationalen Treffen gezeigt und rund 400 Kopien über die Organisation MIWATA verbreitet. MVIWATA ist nun deutlich bekannter als NGO, die die Landrechte der Bevölkerung durch Vergabe von traditionellen Landzertifikaten zu sichern versucht.

Hier gelangen Sie zum Film (YouTube):

YouTube Preview Image


Was hat sich seit Erscheinen der Studie und des Films getan?

Der Film hat für viel Aufsehen gesorgt. Zu sehen ist unter anderem ein Interview mit Benson Mpesya, Bezirksvorsteher des Bezirkes Songea. Er ignoriert die Sorgen und Probleme der Dorfbewohner bisher völlig und sagte, dass sie sich immer nur beschweren würden – daraufhin wurde er entlassen. Zu sehen sind auch Berichte über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen auf einer Kaffeeplantage von Olam Aviv in Songea. Schon in der Studie wurde gezeigt, dass der Produzent einige Versprechen, die er bei Übernahme des Landes gemacht hat, nicht umgesetzt hat. Dabei ging es zum Beispiel um die Renovierung einer Grundschule und den Aufbau einer Apotheke. Das Management hat sich zuletzt mit der Dorfbevölkerung getroffen und beides fertig gestellt. Ein weiterer Kritikpunkt von Studie und Film war, dass der Lohn der Tagelöhner unter dem Existenzminimum in Tansania liegt. Er wurde von 4.000 auf 5.000 tansanische Schillinge angehoben (Anm. d. Red.: von rund 1,66 Euro auf rund 2,06 Euro). Mittlerweile gibt es auch Toiletten für die Arbeiterinnen und Arbeiter und sauberes Trinkwasser. Zwar wünschen sich die Dorfbewohner noch immer feste Arbeitsplätze und keine unsichere Anstellung als Tagelöhner, aber die Angleichung an den Mindestlohn ist zumindest ein erstes Zeichen, dass der Protest auch Wirkung zeigt.

Wie verhält sich die neue Regierung und wie geht es weiter?

Ich bin positiv überrascht von der Regierung. Sie ist in Bezug auf die Landfrage sehr aktiv geworden und versucht, die Interessen der Armen, speziell der Kleinbauern, stärker zu berücksichtigen. Präsident Magufuli hat alle neuen Investitionen im Land gestoppt, bis alle existierenden Verträge zwischen Regierung und großen Investoren geprüft worden sind. Die Studie und der Film haben  unsere Möglichkeiten, für die Leute auch gegenüber der Politik in Sachen Landfragen einzutreten, deutlich gestärkt. Die Deutlichkeit der Probleme bestärkt mich, immer weiter über die Auswirkungen dieser großflächigen Agrarinvestitionen in unserem Land zu sprechen – sogar in Deutschland war das möglich.  In Deutschland hat mich vieles erstaunt, ich war zum ersten Mal hier. Ich weiß jetzt, wie die Menschen in Europa über Plantagen, Reichtum und Glück denken. Ich habe festgestellt, dass in Deutschland Glück bedeutet, viel Geld zu haben. In Afrika bedeutet Glück zu wissen, zu wem und wohin man gehört.

Zunehmend berichten Kleinbauern aus Tansania von Landkonflikten und Landraub durch landwirtschaftliche Großinvestitionen. Foto:Maurice Ressel/MISEREOR

Was kann die deutsche Politik tun, um Probleme im Zusammenhang mit Agrarinvestitionen im Ausland anzugehen?

Die  deutsche Regierung sollte mit Landrechtsfragen bei Auslandsprojekten nicht leichtfertig umgehen und seine Auslandspolitik genau in den Blick nehmen. Land ist die Lebensgrundlage für viele Menschen. Das tansanische Land den Investoren zu übergeben bedeutet, den Tansaniern ihre wichtigste Lebensgrundlage weg zu nehmen und die Gefahr zu vergrößern, dass bei Kleinbauern Armut zu- statt abnimmt. Stattdessen sollten sie gestärkt werden. Kleinbauern sind effizient und ernähren über 70 Prozent der Weltbevölkerung.

Welche Empfehlungen und Wünsche richten Sie an die tansanische Politik?

Die Regierung in Tansania sollte Folgeabschätzungen bei geplanten Plantagen machen und schauen, welche Auswirkungen sie jetzt und in der Zukunft auf die Umgebung, die Menschen und die Umwelt haben. Ich kann mich nur wiederholen: Die Einwohner Tansanias sind die wichtigste Ressource des Landes. Die Regierung hat die moralische Pflicht, ihre Rechte und Würde zu schützen. Ein weiterer Punkt ist, dass die Regierung von Tansania das Land sichern und Landtitel vergeben sollte. Zur Zeit haben erst 1640 Dörfer von 12000 überhaupt das Landrecht für ihre Gemeinde, was die Voraussetzung für die Anerkennung von Landzertifikaten ist. Das muss sich ändern.

Ein Interview von Kerstin Lanje, Referentin für Welthandel und Ernährung bei MISEREOR.


Weitere Informationen

Pressemeldung: „Neue Studie zeigt negative Folgen von Agrarinvestitionen für afrikanische Bauern“

Interview: „Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl“

Podiumsdiskussion „Allianz der Zäune“: Agrarinvestition in Afrika

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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