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SoLaWi(e)? Solidarische Landwirtschaft in Berlin bekommt brasilianischen Besuch

In Berlin besucht MISEREOR-Partnerin Fatima Aparecida Garcia de Moura einen solidarischen Landwirtschaftsbetrieb. In ihrer Heimat Brasilien setzt sie sich für die Verbreitung der agrarökologischen Produktion ein.

Bauer Christian Heymann (links) zeigt MISEREOR-Partnerin Fatima Aparecida Garcia de Moura (rechts) seinen angebauten, Bio-Schwarzkohl, Foto: MISEREOR.

Bauer Christian Heymann (links) zeigt MISEREOR-Partnerin Fatima Aparecida Garcia de Moura (rechts) seinen Bio-Schwarzkohl, Foto: MISEREOR.

Schon seit längerem habe ich mir das vorgenommen: Die „Biokiste“ eines regionalen Betriebes zu abonnieren. Das hat gleich mehrere Vorteile: Ich bekomme regelmäßig leckeres, regionales, saisonales Biogemüse und –obst geliefert und weiß, wo meine Lebensmittel herkommen. Zudem unterstütze ich die ökologische Produktion und der Betrieb erhält Planungssicherheit.

In Berlin-Gatow besuchen Dagmar Schumann, MISEREOR-Referentin für ländliche Entwicklung in Lateinamerika, Fatima Aparecida Garcia de Moura und ich einen solidarischen Landwirtschaftsbetrieb, das „SpeiseGut“. Die Brasilianerin ist als technische Beraterin für Landwirtinnen und Landwirte tätig und arbeitet bei dem MISEREOR-Partner „Federação de Órgãos para Assistência Social e Educacional (FASE)“. Dies ist ein brasilianischer Verband von Gremien zur Sozial- und Bildungsarbeit. Zu seinen Aufgaben gehört neben politischer Lobbyarbeit auch die Unterstützung von Kleinbauernfamilien bei der Umstellung ihrer Betriebe auf eine nachhaltige Produktion und bei der Vermarktung ihrer agrarökologischen Erzeugnisse.

Auf einer der mehr als drei Hektar umfassenden Anbauflächen wächst aktuell Schwarzkohl, Foto: MISEREOR.

Auf einer der mehr als drei Hektar umfassenden Anbauflächen wächst aktuell Schwarzkohl, Foto: MISEREOR.

Brasilianische Realität: Monokulturen und Pestizide

Fatimas Heimatland ist stark durch den Mono-Anbau von Futterpflanzen wie Soja geprägt, der mit einer enormen Verwendung von Pestiziden einhergeht. Allein im Bundesstaat Mato Grosso, in dem Fatima sich mit ihrem FASE-Team engagiert, werden jährlich 13 Millionen Hektar Soja angebaut und 270 Millionen Liter Pestizide eingesetzt: „Diese Pestizide vergiften die Umwelt und führen bei den Menschen, die im Umfeld der Sojafelder leben, zu Krankheiten“, erläutert Fatima Aparecida Garcia de Moura. Deshalb setzt sie sich für ein alternatives Anbau- und Ernährungssystem ein: „Unsere Landwirtschaft soll gesunde Lebensmittel produzieren, ohne den Einsatz von Pestiziden und ohne die Umwelt zu zerstören. Wir möchten, dass die agrarökologische Produktion größere Verbreitung findet“.

Alternativkonzept: Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi)

Christian Heymann, Gründer und Firmeninhaber von „SpeiseGut“, empfängt uns herzlich an seinen Anbauflächen. Kaum zu glauben, dass wir uns hier tatsächlich noch auf Berliner-Stadtgebiet befinden. Denn um uns herum gibt es nur Felder, die Havel und kleinere Wälder. Vor fünf Jahren hat der ausgebildete Landwirt mit 2.000 Euro Startkapital und nur gemeinsam mit einer jungen Mitarbeiterin den Betrieb aufgebaut. Bewusst ohne Subventionen: „Ich möchte meinen Kundinnen und Kunden den wahren Wert landwirtschaftlicher Arbeit deutlich machen und die realen Preise an sie weitergeben. Wie sollte ich das mit Subventionen machen?“

Zunächst lieferte er an elf Menschen aus, nach einem halben Jahr waren es 60. Mittlerweile sind es 240 Kisten pro Woche. Die Teilnehmenden verpflichten sich zur Abnahme einer wöchentlichen Lieferung für ein Jahr und zahlen im Voraus. Dafür erhalten sie ein Stimmrecht, werden regelmäßig über den Betrieb und den Anbau informiert und packen mindestens dreimal im Jahr auf dem „SpeiseGut“ selbst mit an. Jeden Samstag während der Saison gibt es Gelegenheit dazu. „Wir schaffen viel mit unseren Freiwilligen. Die meisten können viel mehr, als sie selbst von sich erwarten“, erklärt Christian Heymann.

Drei Gewächshäuser gehören zum SpeiseGut, wodurch die Anbauzeiten etwas verlängert werden, Foto: MISEREOR.

Drei Gewächshäuser gehören zum SpeiseGut, wodurch die Anbauzeiten etwas verlängert werden, Foto: MISEREOR.

Die Idee kommt gut an

Mit der wachsenden Zahl an Abnehmerinnen und Abnehmern wuchs auch der Betrieb: Mittlerweile sind sie zu acht. Der Betrieb ist Naturland Fair zertifiziert. Außerdem gibt es einen Regionalladen, in dem neben den eigenen Erzeugnissen verarbeitete Produkte wie Öle und sogar Wildschweinprodukte angeboten werden. Eine Reaktion Christian Heymanns auf die Berliner Wildschweinplage, mit der Landwirtinnen und Landwirte vor Ort zu kämpfen haben.

Doch Christian Heymann weiß auch um die Hürden in der Werbung um Abnehmer und Abnehmerinnen für seine Erzeugnisse. Immer weniger Menschen kochen selbst oder nehmen sich die Zeit, frisch und ausgewogen zu kochen. Oder sie kennen viele Sorten, insbesondere sogenannte alte Sorten, überhaupt nicht mehr. Mir geht es ähnlich: Eine Kohlrübe habe ich bisher weder gegessen, noch selbst zubereitet. Und Schwarzwurz kenne ich nur aus dem Glas. Für diejenigen unter euch, denen es genauso geht: Sie hat – wie der Name vermuten lässt – eine schwarze Schale. „Aus diesem Grund musst du den Menschen direkt erklären, was sie mit den Produkten machen können und wie sie diese am besten verarbeiten. Beispielsweise machen wir Veranstaltungen mit Schulen und Kindergärten. Wir ernten und kochen gemeinsam. Auch wenn du furchtbar schwarze Hände bekommst, wenn du Schwarzwurz zubereitest, probier’s mal aus. Es lohnt sich!“ Für mich, aber auch für die brasilianische kleinbäuerliche Landwirtschaft.

Eine Welt: Alles hängt zusammen

Denn unser Konsum hier in Deutschland hat gleichzeitig Auswirkungen auf brasilianische Landbewohnerinnen und –bewohner. Das weiß auch Fatima Aparecida Garcia de Moura : „In dem Maße, wie die Nachfrage nach Fleisch in Europa steigt, steigen die Konflikte vor Ort in Brasilien – um Landrechte, die ausreichende Versorgung der lokalen Bevölkerung mit Nahrung und Wasser und die wachsende Umweltzerstörung“. Deshalb möchte sie das Beispiel SoLaWi unbedingt flächendeckend umgesetzt sehen – in Brasilien und in Deutschland.

Bauer Christian Heymann (links), MISEREOR-Partnerin Fatima Aparecida Garcia de Moura (mitte) und Dagmar Schumann (rechts) vor dem Regionalladen des SpeiseGut, Foto: MISEREOR.

Bauer Christian Heymann (links), MISEREOR-Partnerin Fatima Aparecida Garcia de Moura (mitte) und Dagmar Schumann (rechts) vor dem Regionalladen des SpeiseGut, Foto: MISEREOR.

 

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