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Massenflucht aus Venezuela

An der Grenze von Venezuela zu Brasilien nimmt in den letzten Tagen und Wochen der Ansturm venezolanischer Flüchtlinge dramatisch zu. Allein in den ersten 45 Tagen des neuen Jahres kamen 18.000 Flüchtlinge über die kleine brasilianische Grenzstadt Pacaraima nach Brasilien, mehr als im gesamten Jahre 2017.

Venezolanische Flüchtlinge warten an der brasilianischen Grenze auf ihre Einreisegenehmigung © Felipe Larozza

Venezolanische Flüchtlinge warten an der brasilianischen Grenze auf ihre Einreisegenehmigung © Felipe Larozza

An der venezolanisch-brasilianischen Grenze steigt in den letzten Tagen und Wochen der Ansturm  venezolanischen Flüchtlingen dramatisch an. Allein in den ersten 45 Tagen des neuen Jahres kamen 18.000 Flüchtlinge über die kleine brasilianischen Grenzstadt Pacaraima nach Brasilien, mehr als im gesamten Jahre 2017. Berichten der brasilianischen Grenzpolizei zufolge ist der Flüchtlingsstrom Anfang März auf etwa 1200 Menschen pro Tag angestiegen.

Die Situation in Venezuela selbst wird zunehmend unübersichtlicher. Während der venezolanische Präsident Nicolás Maduro die Zerstrittenheit seiner politischen Gegner nutzt, um durch Gesetzesänderung, politische Propaganda und der Ausübung von Druck die von ihm selbst für April 2018 angesetzten Neuwahlen für sich zu entscheiden, hungert das Volk. Wer an eines  der durch das Maduro-Regime verteilten Lebensmittelpakete herankommen will, muss in einer Patriotismus-Karte schriftlich erklären, die Regierung zu unterstützen.

Misswirtschaft, Sanktionen und Hyperinflation von 2600 %  der Landeswährung Bolivar allein im Jahr 2017 haben das Land in den wirtschaftlichen Ruin gestürzt, obwohl es förmlich in Öl schwimmt. Derweil stehen Venezuelas Bürger in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften vor leeren Regalen. Nahrungsmittel wie Milch, Zucker und Fleisch sind zu knappen Gütern geworden, die sich inzwischen kaum jemand mehr leisten kann. Von Medikamenten und Hygieneartikeln gar nicht erst zu sprechen. Selbst Maismehl, das venezolanische Grundnahrungsmittel, ist bei den explosionsartigen Preiserhöhungen für die Menschen kaum noch erschwinglich.

Zunehmender Flüchtlingsstrom

Immer größere Menschenströme zieht es deshalb wegen der Lebensmittelknappheit ins Nachbarland Brasilien. Kamen zu Beginn der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren noch vornehmlich aus der venezolanischen Mittelschicht stammende, junge Menschen nach Brasilien, so sind es inzwischen immer mehr arme Menschen aller Altersgruppe, welche ihre Heimat verlassen. Nicht wenige überschreiten die Landesgrenze ohne einen Cent in der Tasche. Wer sich die Busfahrkarte von der Grenze in die 215 km entfernte brasilianische Landeshauptstadt Boa Vista nicht leisten kann, muss bei feuchtheißen Temperaturen den beschwerlichen Marsch durch den Regenwald zu Fuß antreten – oder hofft auf eine Mitfahrgelegenheit. Nicht wenige erreichen Boa Vista unterernährt und völlig erschöpft. Wie die erst vor zwei Tagen aus der venezolanischen Hauptstadt Caracas angereiste 22-jährige Genesis Myares und ihre zwei, drei und siebenjährigen Kinder. Der schmächtige Körper der ältesten Tochter Jordelin weist bereits deutliche Erscheinungen von Unterernährung auf. „In Venezuela haben wir nichts mehr zum Essen, unsere Kinder sterben vor Hunger“ berichtet die verzweifelte Mutter. 

Die schlechte Versorgungslage ist insbesondere bei den Kindern sichtbar © Felipe Larozza

Die schlechte Versorgungslage ist insbesondere bei den Kindern sichtbar © Felipe Larozza

Die Stadt Boa Vista wird von Hilfesuchenden belagert

Vierzigtausend Venezolaner befinden sich inzwischen in Roraimas dreihundert tausend Einwohner zählende Landeshauptstadt Boa Vista. Wer nicht in einer der von der katholischen Kirche betreuten Auffanglager oder des Staates unterkommt, kampiert unter freiem Himmel im Stadtparkt. Die Journalistin Osnilda Lima  besuchte vor wenigen Tagen das staatliche Auffanglager „Tancredão“ und musste mit Entsetzten feststellen, dass die sanitären und hygienischen Bedingungen dort menschenunwürdig sind und auch dort die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln nicht gesichert ist. Bessere Bedingungen finden die Flüchtlinge in den von der Kirche betreuten Auffanglagern vor. Bereits vor zwei Jahren hatte der Bischof von Boa Vista, Dom Mario Antonio da Silva, die Aufnahme und Betreuung von venezolanischen Flüchtlingen zur Chefsache der Diözese erklärt und ließ dafür das Zentrum für Migration und Menschenrechte – CMDH (Centro de Migrações e Direitos Humanos) einrichten. Neben der Unterbringung von Flüchtlingen und der Verteilung von Nahrungsmitteln und Sachspenden kümmert sich das Zentrum auch um die Antragsstellung temporärer Aufenthaltsgenehmigung. Der Schutz und die Prävention von Sklavenarbeit und Menschenhandel sind weitere wichtige Aufgaben, welche die katholische Einrichtung in letzter Zeit immer mehr beschäftigt. An der Grenze zu Venezuela, in Pacaraima, betreut die dortige Pastoral der Migranten in einer Sporthalle 500 von der venezolanischen Wirtschaftskrise besonders betroffene landlose Indigene des Volkes Warão und bietet ein tägliches Frühstück für weitere 800 Flüchtlinge an.

Indigene des Volkes Warão im Auffanglager der Pfarrei Pacaraima © Felipe Larozza

Indigene des Volkes Warão im Auffanglager der Pfarrei Pacaraima © Felipe Larozza

Es fehlt an Hilfsmitteln, um die Flüchtlinge zu versorgen

Sowohl an der Grenze als auch in Boa Vista sind die katholischen Einrichtungen aber längst nicht mehr in der Lage, den großen Ansturm an Hilfesuchende gerecht zu werden. „Wir schaffen es nicht mehr alle Hilfsbedürftigen mit Nahrung zu versorgen“ erklärt Bischof da Silva“ und ergänzt „das Auftreiben von Hilfs- und Finanzmittel ist momentan unsere größte Sorge und Herausforderung.“ Ähnliches berichtet auch die unermüdliche Missionarin und Koordinatorin des Zentrums für Migration und Menschenrechte, Telma Lage, die mit Blick auf die Krise in Venezuela für dieses Jahr einen explosionsartigen Anstieg an Migranten erwartet. „Die tägliche Arbeit hier ist nicht einfach“, berichtet die junge Frau. „Du nimmst ein Kind und denkst, es handelt sich um ein Neugeborenes, stellst dann aber fest, dass es bereits 15 Monate alt ist. Nichts bereitet dich auf das, was du hier erlebst vor. Es ist aber auch keine Option, der Not der uns aufsuchenden Menschen gleichgültig gegenüber zu stehen. Der Schrei der Armen ist der Schrei der Natur, es ist ein einziger Schrei“ erklärt Telma und weist auf die Worte von Papst Franziskus hin, der sagt:„ Die Asylsuchenden sind keine Gefahr, sondern sie sind in Gefahr und wir sind es, die sie schützen können“. 

Über den Autor: Stefan Kramer ist Leiter der MISEREOR-Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilien


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich glaube die Hyperinflation hat einen deutlichen Beitrag zu dieser Lage geleistet. Solange die Regierung nicht stabil wird und die Inflation gestoppt wird, solange wird dieser Zustand anhalten.
    Danke für diesen Bericht

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