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Kolumbien: „Ich konnte nicht mehr, doch sie halfen mir auf!“

Wie der MISEREOR-Partner FASOL traumatisierten Gewaltopfern in Kolumbien hilft

Im Jahr 2014 rollte die kolumbianische Staatsanwältin Maria Nancy Ardila Pedraza nach 23 Dienstjahren einen alten Fall über Mord, Erpressung und Drogenschmuggel wieder auf.  23 Mitglieder des mächtigen und gefährlichen Clan del Golfo und das Clan-Oberhaupt Alexander Toro Lopez kamen ins Gefängnis. Doch dieser Erfolg gegen das organisierte Verbrechen belastet in hohem Maße ihr (Über-)Leben. Obwohl sie ab dem Zeitpunkt der Ermittlungen Morddrohungen erhielt, stellt der Staat ihr bis heute keinen Schutz zur Verfügung.

María Nancy Ardila Pedraza, ehemalige  Staatsanwältin und Opfer der Gewalt gegen die Justiz in Kolumbien © Florian Kopp/MISEREOR

María Nancy, bitte schildere uns deine Situation; was ist passiert?
María Nancy: Ich war Staatsanwältin in Valle del Cauca, bis ich Opfer der Gewalt hier in Kolumbien wurde: Sie haben zwei meiner Brüder umgebracht, sie versuchten, meine Eltern zu töten, meine Schwester. Die Anweisung des Clans Úsuga war, meine ganze Familie zu ermorden. Diese Bedrohung geht weiter und wir sind deshalb aus Valle del Cauca nach Bogotá versetzt worden. Dank der Unterstützung von FASOL bekam ich finanzielle, gesundheitliche und vor allem psychologische Hilfe. Auch rechtlicher Beistand wurde mir insofern zuteil, als FASOL verschiedene Behörden um Schutz für uns bat und darum, dass wir das Land verlassen können. Das psychische Trauma ist bei der ganzen Familie sehr groß. Ich selbst fange erst jetzt wieder zu sprechen an, mein Gehirn war blockiert, ich habe kognitive Störungen und ich konnte nicht gehen. Ich bin in Behandlung, meine ganze Familie wird medizinisch betreut. Wir sind auf Medikamente angewiesen, voller Angst, weil die Drohungen weitergehen. Wir haben alles verloren. Ich hatte ein kleines Haus, ein Auto, alles mussten wir zurücklassen. Wirtschaftlich komme ich allein zurecht, aber meine Familie … Die verwaisten Kinder meiner Brüder benötigen viel Unterstützung.

Du hast an einem Fall gearbeitet, der bestimmte Leute veranlasste, dich mit dem Tode zu bedrohen. Was steckte dahinter?
María Nancy: Hier in Kolumbien gibt es ein sehr großes Problem, nämlich die Korruption, insbesondere in der Justizverwaltung. Ich kam neu zu einer Staatsanwaltschaft hinzu, wo es einen Fall gab, der einfach ad acta gelegt worden war. Ich nahm ihn mir wieder vor und da wurde mir klar, dass es hier um das organisierte Verbrechen des Clans Úsuga ging. Nachdem ich meine Vorgesetzten darüber informiert hatte, erhielt ich zahllose Drohungen. Ich bat um staatlichen Schutz, doch der wurde mir nicht gegeben. Dann übten sie Vergeltung, denn diese kriminelle Bande hatte Macht, korrupte Leute in der Polizei, in staatlichen Organen. Ich gab keine Ruhe und deswegen übten sie weitere Racheakte gegen mich aus.

Diese Rache war gegen dich gerichtet, aber sie begannen damit, deine Familienangehörigen zu ermorden …
María Nancy: Sie sagten, dass ich miterleben müsste, wie meine ganze Familie ausgelöscht würde. Sie haben mich oft bedroht; doch ich bin eine sehr tapfere Frau, weil ich Gottvertrauen habe. Sie sagten: „Frau Staatsanwältin, wenn Sie diese Leute nicht freilassen, ist Ihr Leben in Gefahr.“ Es waren Drohungen über Drohungen, aber, da ich den Glauben an Gott hatte, sagte ich zu mir, wenn ich deswegen sterben muss, dann sterbe ich. Ich liebte meinen Beruf und ich sah ihn als Mission an. Aber natürlich wollte ich meine Familie nicht gefährden. Meinen Beruf als Staatsanwältin kann ich nicht mehr ausüben. Ich habe den Ärzten und Psychiatern gesagt, dass ich aus ethischen und moralischen Gründen meine Arbeit nicht wiederaufnehmen kann. Denn wenn sie mir von Neuem drohen, dass sie meinen Sohn töten, dann werde ich nicht mehr stark sein können. Doch die Drohungen hörten nicht auf. Wegen der Korruption in allen staatlichen Einrichtungen haben sie die Macht, und deshalb gibt es so viel Straflosigkeit, weil nicht alle Richter und Staatsanwälte ihr Leben dafür riskieren wollen. Nicht alle sind korrupt, aber es gibt eine Menge Korruption.

María Nancy Ardila zeigt ein Bild ihrer ermorderten Brüder © Florian Kopp/MISEREOR

María Nancy Ardila zeigt ein Bild ihrer ermordeten Brüder © Florian Kopp/MISEREOR

Und in Deiner jetzigen Situation; was hast du vor? Hast du Pläne, wie es weitergeht?
María Nancy: Mein Leben ist wie ein zerbrochenes Glas, in Stücke zerborsten. Ich muss anfangen, dieses Glas wieder zusammenzufügen, es zu kleben. Zunächst wollte ich nicht weiterleben, meine Brüder wurden ermordet, meine Familie wegen meiner Arbeit zerstört. Aber jetzt will ich leben, ich will kämpfen, ich trainiere fleißig, um mich intellektuell zu erholen und um beruflich wieder auf die Beine zu kommen. Nicht mehr als Staatsanwältin, da ich nicht mehr den Mut dazu hätte. Aber wenn ich weiterarbeite, dann z.B. als Verteidigerin der Menschenrechte oder, sagen wir, als Teil von Organisationen zur Verteidigung der Opfer. Ich will daran arbeiten, weil ich in den gesamten 24 Jahren, die ich bei der Staatsanwaltschaft war, mich immer für die Verteidigung der Menschenrechte und gegen die Korruption eingesetzt habe.

In welcher Weise hilft FASOL dir dabei, die Stücke des zerbrochenen Glases, wie du gesagt hast, wieder zusammenzufügen?
María Nancy: FASOL half mir bei der Suche nach einem Haus in Bogotá, sie haben die Miete für vier Monate übernommen, die Psychologin kam, eine Sozialarbeiterin, sie machten mit uns Familientherapie. Ich konnte nicht aufstehen, doch sie halfen mir auf, sie halfen bei den Gesuchen, bei den Briefen an die Staatsanwaltschaft, an den Staat, damit dieser mir half, dass ich zu meinem Recht komme. Seit zwei Jahren kümmern sie sich um uns, rufen regelmäßig an, um sich nach unserem Wohl zu erkundigen. Wir waren bereits in den Abgrund gefallen und sie haben uns da wieder rausgeholt. Sie reichten uns die Hand, sodass wir weitermachen können. Mir geht es hier gut, ich bin zu rund sechzig Prozent wieder gesund.

 "Ich konnte nicht aufstehen, doch sie halfen mir auf, sie halfen bei den Gesuchen, bei den Briefen an die Staatsanwaltschaft, an den Staat, damit dieser mir half, dass ich zu meinem Recht komme." © Florian Kopp/MISEREOR

„Ich konnte nicht aufstehen, doch FASOL half mir auf, sie halfen bei den Gesuchen, bei den Briefen an die Staatsanwaltschaft, an den Staat, damit dieser mir half, dass ich zu meinem Recht komme.“ © Florian Kopp/MISEREOR

Willst du nach wie vor das Land verlassen?
María Nancy: Gott hat mich auf meinem Weg mit den deutschen Richtern zusammengebracht, mit FASOL, mit einer NRO, dem Programm „Somos Defensores“ (Wir sind Verteidiger), mit Human Rights Watch und mit Anwälte ohne Grenzen. Mal sehen, ob sie uns aus dem Land herausholen können, aber die Behörden sind es, die den Vorgang bearbeiten. Ich will meine Familie herausholen, sodass wir  uns von der Angst erholen können. Danach werden wir sehen, ob wir zurückkehren oder nicht.

Werden deine Familie und du immer noch bedroht?
María Nancy: Ja, vor drei Monaten erhielt mein Schwager eine Handy-Nachricht. Und die Person, die die Botschaft schickte, ist der Boss der Verbrecherbande des Clan Úsuga, der im Gefängnis sitzt, aber draußen weiterhin die Macht hat. Trotz Freiheitsentzugs hat er ein Handy und führt seine Leute. Und nach dem Mord an meinen Brüdern hat man bereits 14 Personen verhaftet und der Clan hat zwei Zeugen getötet. Das ist alles nur möglich, weil es im Land so viel Korruption gibt, die alle staatlichen Organe beeinflusst. Meine Mutter musste mit ansehen, wie sie meine Brüder erschossen: Sie saß mit meinen Geschwistern beim Mittagessen, als jemand an die Tür klopfte. Sie öffneten und ein Mann trat herein und schoss um sich. Das einzige was ich will, ist, den Kleinen der Familie zu helfen, meinem Sohn, meinen beiden verwaisten minderjährigen Neffen und meinen anderen Neffen. Wenn der Deutsche Richterbund mir dabei helfen kann, wäre ich sehr dankbar, denn ich habe wirklich nicht mehr die Kraft wie früher. Mein Psychiater sagte zu mir, dass mein Sohn hier nicht gesund wird. Da er allen misstraut, möchte ich meinen Kleinen außer Landes bringen. Die Freunde von FASOL unterstützen mich darin. Mein Sohn ist 17 Jahre alt und es war sehr hart für die Kinder, diese blutrünstige Szene mitzuerleben. Mein Sohn sagt: „Weshalb soll ich studieren? Warum? In diesem Land können wir jederzeit getötet werden.“ Dann bittet er mich: „Mama, hole mich aus dem Land heraus.“ Doch meine finanziellen Mittel reichen nicht aus, um meinen Sohn außer Landes zu bringen. FASOL macht uns Hoffnung, dass die Europäische Union Mittel dafür bereitstellen könnte. Die Unterstützung, die FASOL uns bisher gegeben hat, war beeindruckend. Man wollte mich in die Psychiatrie einsperren und ich wollte sterben. Ich hatte nicht die Kraft, aus dem Bett aufzustehen, mich zu waschen, oder die Hand zu heben. Dann war da die Psychologin, sie half mir auf: „Steh auf, lass uns gehen, geh, spüre die Sonne!“ Sie war wirklich eine große Stütze; wie ein neuer Lebensfunken.

Im Gespräch mit dem Deutschen Richterbund und FASOL. © Florian Kopp/MISEREOR

Im Gespräch mit dem Deutschen Richterbund und Mitarbeitenden von MISEREOR und FASOL. © Florian Kopp/MISEREOR

FASOL hat dir geholfen, aus der Psychiatrie herauszukommen. Und sie unterstützen dich weiter…
María Nancy: Ja, hier bin ich stabil. Jedes Ereignis hat mich sehr nervös gemacht. Zum Beispiel die Anhörungen, bei denen ich mich mit diesen Leuten auseinandersetzen musste. Das machte mich sehr nervös. Man spürt in solchen Momenten förmlich, dass sie einen töten wollen. Meine Mutter zum Beispiel sieht ihre zwei Kinder dann wieder vor sich und ich durchlebe, wie blutrünstig diese drei Männer waren, die meinem Bruder in den Kopf geschossen haben, diesen völlig zertrümmern. Wir haben viele Male über Gott geschimpft. Anfangs sagte ich, dass Gott nicht existiert. Warum töten sie meine Brüder, warum passiert uns das alles? Aber wir haben den Glauben wiedererlangt und, wenn Gott es so will, kämpfen wir weiter und tun alles in unserer Macht stehende. Mein Fall ist schrecklich, aber es gibt noch viel schlimmere Fälle.

Hilft es dir, die Situation zu überwinden, wenn du sie mit anderen Menschen teilen kannst?
María Nancy: Ja, mit anderen Leuten, die auch leiden, das hilft, Kräfte zu sammeln. So wie sie kämpfen, so muss man selbst auch weiter kämpfen. Es hilft, zu teilen. Ich möchte auch den deutschen Richtern und den Menschen der anderen Organisationen danken, die nach Kolumbien kommen und helfen. Ich bitte sie, weiterhin hier so viele Menschen zu unterstützen. Sie brauchen Sie, denn das Friedensabkommen gibt es nur auf dem Papier. Es soll Wirklichkeit werden, aber bis die Gewalt vorüber ist, werden noch viele Jahre vergehen.

Das Interview führte Gabriele Rath, MISEREOR


Die Arbeit der Menschenrechtsorganisation FASOL

FASOL – Solidaritätsfonds für die kolumbianischen Richter – unterstützt  Opfer aus dem kolumbianischen Justizwesen und deren Angehörige. Richter, Staatsanwälte und Justizangehörige werden in Kolumbien nach wie vor verfolgt, bedroht oder ermordet, wenn sie das geltende Recht konsequent anwenden wollen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FASOL unterstützen insbesondere die Hinterbliebenen durch psychosoziale Maßnahmen (Traumaarbeit), Opferbetreuung (Trauerbewältigung und juristische Beratung. In Selbsthilfegruppen schöpfen die Angehörigen der Opfer neuen Lebensmut. Schulstipendien für Waisen und Halbwaisen sowie Hilfen zur beruflichen Wiedereingliederung von Hinterbliebenen bieten den Betroffenen neue Lebensperspektiven. die Mittel der Kolumbienhilfe des DRB werden ebenso eingesetzt, um mit dem Tode bedrohten Justizangehörigen zur Flucht innerhalb Kolumbiens oder ins Ausland zu verhelfen.

Der Deutsche Richterbund

Der Schutz und die Beachtung der Menschenrechte sind besondere Anliegen des Deutschen Richterbundes. Aus diesem Anspruch hat der Deutsche Richterbund 1989 seine Kolumbienhilfe eingerichtet. Durch ihre Spenden unterstützen die DRB-Mitglieder in Zusammenarbeit mit MISEREOR vor Ort die Arbeit der Selbsthilfe-Organisation FASOL.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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