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Kolumbien: „Wir hätten nicht vergeben können“

Estéban Emilio Salas Caicedo verlor als dreijähriger seinen Vater, einen Juristen, durch ein Attentat der FARC. Heute studiert er Jura und arbeitet als Justizassistent.

Esteban Munar (23 Jahre, Jurastudent) und Mutter Teresa Caicedo (69), Frau bzw. Sohn eines Opfers Florian Kopp/MISEREOR

Esteban Munar (23 Jahre, Jurastudent) und Mutter Teresa Caicedo (69), Frau bzw. Sohn eines Opfers Florian Kopp/MISEREOR

 

Estéban Emilio Salas Caicedo, wie ist Ihr Kontakt zur Menschenrechtsorganisation FASOL, dem Solidaritätsfonds für die kolumbianischen Richter, entstanden?

Estéban: Mein Vater, Víctor Salas Rodríguez, arbeitete als Richter in der Gemeinde Cumbay. Am 18. Februar 1977 wurde er von der bewaffneten FARC getötet. Ich war damals noch sehr klein, kaum drei Jahre alt. Danach sind wir – meine Mutter Teresa Caicedo, und ich – gemeinsam zu FASOL gegangen. Wir wurden von FASOL begleitet und unterstützt, zunächst darin, unser „Opfersein“ zu überwinden und darin, nicht mit gewalttätigen Aktionen gegen die Täter vorzugehen, sondern diese Verletzung, die sie uns angetan haben, hinter uns zu lassen. FASOL bringt uns Hinterbliebene zusammen, damit wir alle gemeinsam unser Opferschicksal überwinden und uns gegenseitig erzählen können: „Schau, das ist meine Geschichte und sie könnte noch tragischer sein.“ Ja, dieser Begriff „tragisch“ trifft es, weil die Ereignisse allesamt gewalttätige Ereignisse waren. 

Haben Sie ein Bild, eine Erinnerung an Ihren Vater?

Estéban: Nein, weil ich noch so jung war, habe ich keine klare Erinnerung an meinen Vater. Aber das brachte mich dazu, einen Brief zu schreiben, den ich „Erinnerung durch andere Erinnerungen“ nannte und der mir hilft, die Erinnerung an meinen Vater wachzuhalten. Wie meine Familie mir erzählt, war mein Vater ein fröhlicher Mensch, der, wie sie im Süden Kolumbiens sagen, „den Funken“ (la chispa) hatte. Er machte immer Witze über sich selbst und mit den Kollegen aus seiner Arbeitsgruppe im Justizbüro.

Was ist an dem Tag, als Ihr Vater verschwand, genau passiert?

Estéban: Der Tag begann für ihn als gewöhnlicher Arbeitstag in der Gemeinde Cumbay. Meine Mutter und ich lebten in Pasto, Hauptstadt des Departements Nariño. Die Gemeinde Cumbay, in der mein Vater arbeitete, liegt ungefähr 2 bis 2 1/2 Stunden Fahrt entfernt. Mein Vater fuhr immer montags in der Früh zu seinem Arbeitsplatz und kam erst Freitagabend zurück, um bei uns zu sein. An jenem Montag verabschiedete er sich wie immer von meiner Mutter. Er pflegte zu ihr Gordita (Pummelchen) zu sagen. Dann sagte er: „Du musst auf das Kind achten, Gordita“. Ich litt an einer Sehbehinderung, die sich langsam verschlechterte und durch die ich schließlich mit 13 Jahren mein Sehvermögen verlor. Mein Vater erinnerte meine Mutter: „Gordita, denk an den Termin“, weil ich an dem darauffolgenden Tagen zu medizinischen Untersuchungen nach Cali musste. Meine Mutter sollte mich dort hinbringen, damit die Ärzte meine Augen untersuchen konnten.

Was ist der letzte Moment, der dir aus dem Leben deines Vater bekannt ist?

Estéban: Das Letzte, was ich weiß ist, dass er, nachdem er seine Arbeit im Justizbüro beendet hatte, zum Billiard spielen ging. Er mochte diese Sportart sehr, die in Kolumbien „Billar“ heißt. Es war eine Art Club, in dem die Billardtische standen. Mein Vater spielte dort sehr gerne und als er nach dem Spielen den Club verließ, kamen zwei Personen auf einem schweren Motorrad angefahren. Der Beifahrer zog eine Waffe und feuerte  auf ihn sieben Schüsse ab, die sein Leben beendeten. Er schoss auch auf einen Freund meines Vaters, der bei ihm war. Der Schuss traf ihn nicht tödlich und er überlebte.

Warum wurde Ihr Vater getötet?

Estéban: Mein Vater war in seiner Funktion als Richter an einem heiklen Prozess beteiligt, in dem FARC-Mitglieder vor Gericht standen. Die Attentäter wollten nicht, dass die FARC-Leute ins Gefängnis kommen, denn nach dem Prozess – und falls mein Vater seine Linie weiterverfolgt hätte – wären dies so gekommen. Um dies zu verhindern, beendeten sie das Leben meines Vaters, wobei dies nicht der erste Attentatsversuch gegen ihn war. Beim ersten schickten sie eine Paketbombe an sein Büro. Als das Paket von Gerichtsangestellten geöffnet wurde, gab es eine Explosion, die das Gebäude beschädigte und Personen verletzte. Beim zweiten Mordanschlag lebte mein Vater mit uns in der Hauptstadt des Departements Nariño, in Pasto. Damit er in der Gemeinde Cumbay seine Arbeit als Richter ausüben konnte, hatte er dort ein recht bescheidenes Haus gemietet, denn er war den ganzen Tag in seinem Büro. Eines Nachts wurde mein Vater überfallen. Die Täter schossen auf das Haus, aber er war nicht da, deswegen passierte nichts Schlimmeres. Beim dritten Mal endete der Mordanschlag auf meinen Vater tödlich.

Esteban stellt Ergebnisse beim Nationalen Treffen der Begünstigten von FASOL am 19./20. November 2017, Bogota, Kolumbien, vor © Florian Kopp/MISEREOR

Esteban stellt Ergebnisse beim Nationalen Treffen der Begünstigten von FASOL am 19./20. November 2017, Bogota, Kolumbien, vor © Florian Kopp/MISEREOR

Sie studieren Jura: Was motiviert Sie nach den tragischen Ereignissen, in die Fussstapfen Ihres Vaters zu treten?

Estéban: Mich „ruft das Blut“ (La Sangre llama), wie man hier in Kolumbien sagt. Damit meine ich, dass ich mir schon in meiner Kindheit vorstellte und durchspielte, wie Recht zu sprechen ist. Ich denke, das hat mich sehr geprägt und mich dazu berufen, diesen schönen Beruf zu wählen: Die Verteidigung der Rechte des Anderen, ihm zu erklären, dass seine Rechte nicht mit gewaltsamen Mitteln, sondern auf dem Wege des Dialogs durchgesetzt werden müssen; durch ein schriftliches Dokument an unsere Behörden, wie zum Beispiel eine Vormundschaftsurkunde oder durch ein schriftliches Ersuchen. Wir müssen hier in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür schaffen.

Der gewaltsame Tod meines Vaters und die Unterstützung durch FASOL beeinflusst mich dahingehend, mit dem, was ich Ihnen kurz geschildert habe, umgehen zu können. FASOL hat uns wieder zu Menschen und uns all unserer Fähigkeiten bewusst gemacht haben. All das, was wir geben können. Sie haben – im positiven Sinne – alles aus uns herausgeholt, um weiterzuleben.

 

Das Interview führte Gabriele Rath, MISEREOR


Die Arbeit der Menschenrechtsorganisation FASOL

FASOL – Solidaritätsfonds für die kolumbianischen Richter – unterstützt  Opfer aus dem kolumbianischen Justizwesen und deren Angehörige. Richter, Staatsanwälte und Justizangehörige werden in Kolumbien nach wie vor verfolgt, bedroht oder ermordet, wenn sie das geltende Recht konsequent anwenden wollen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FASOL unterstützen insbesondere die Hinterbliebenen durch psychosoziale Maßnahmen (Traumaarbeit), Opferbetreuung (Trauerbewältigung und juristische Beratung. In Selbsthilfegruppen schöpfen die Angehörigen der Opfer neuen Lebensmut. Schulstipendien für Waisen und Halbwaisen sowie Hilfen zur beruflichen Wiedereingliederung von Hinterbliebenen bieten den Betroffenen neue Lebensperspektiven. die Mittel der Kolumbienhilfe des DRB werden ebenso eingesetzt, um mit dem Tode bedrohten Justizangehörigen zur Flucht innerhalb Kolumbiens oder ins Ausland zu verhelfen.

Der Deutsche Richterbund

Der Schutz und die Beachtung der Menschenrechte sind besondere Anliegen des Deutschen Richterbundes. Aus diesem Anspruch hat der Deutsche Richterbund 1989 seine Kolumbienhilfe eingerichtet. Durch ihre Spenden unterstützen die DRB-Mitglieder in Zusammenarbeit mit MISEREOR vor Ort die Arbeit der Selbsthilfe-Organisation FASOL.

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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