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„fair spielt“: Der Einsatz für faires Spielzeug

Fair gehandelten Kaffee und Schokolade kennt fast jeder. Aber welche anderen fair gehandelten Produkte gibt es eigentlich noch? Spielzeug zum Beispiel! Klaus Piepel hat Mitte der 1990er Jahr die Kampagne „fair spielt“, die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Spielzeugindustrie einsetzt, angestoßen und jahrelang begleitet. Piepel war damals bei MISEREOR in der Abteilung Entwicklungspolitik tätig und dort für Welthandelspolitik, Unternehmensverantwortung und Menschenrechte zuständig.

Buntes Bauklötze

Was ist die Kampagne „fair spielt“?

Klaus Piepel: Die Kampagne „fair spielt“ hat die Öffentlichkeit ab Ende der 90er Jahre über schlechte und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken aufgeklärt. Sie hat Druck auf deutsche Spielwarenfirmen ausgeübt, die ihre Waren (zumindest teilweise) in China produzieren lassen, dafür zu sorgen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Zu diesem Zweck forderte die Kampagne die Spielzeug-Firmen auf, den Verhaltenskodex des internationalen Dachverbandes der Spielwarenindustrie (International Council of Toy Industries / ICTI), der Mindestanforderungen an die Arbeitsbedingungen formulierte, bei ihren chinesischen Lieferanten durchzusetzen.

Wie kam es zu der Kampagne?

Piepel: Ich bin bei einer Konferenz 1995 über Sozialstandards im Handel auf das Thema Spielzeug gestoßen. Dort hatte ich den Leiter der Nichtregierungsorganisation Asia Monitor Resource Centre getroffen, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Asien einsetzt. Er erzählte mir von einer Kampagne zu den Arbeitsbedingungen bei der Spielwarenherstellung in China, die für Großbritannien geplant war. Ich wusste um die Bedeutung der deutschen Spielwarenindustrie, denn im europäischen Kontext ist sie sicherlich die größte. Und mir war auch klar, dass vieles von diesem Spielzeug in China produziert wurde.

Mir erschien das Thema sehr kampagnenfähig wegen seiner emotionalen Bedeutung: Spielzeug hat mit Kindern zu tun und Spielzeug hat was mit Weihnachten zu tun. Aber in diesen emotional geprägten Kontext passen unterbezahlte und ausgebeutete Wanderarbeiter*innen nicht, die kaserniert auf Fabrikgeländen leben und hohe Arbeitsbelastungen, lange Arbeitszeiten und gesundheitliche Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Also erschien es mir sehr gut möglich, insbesondere am Beispiel von Spielzeug auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken hinzuweisen und die deutschen Firmen nach ihrer Verantwortung zu fragen.

Gab es Ereignisse oder Kampagnen zu dieser Zeit, die die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert hatte?

Piepel: MISEREOR hat ab Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit Brot für die Welt eine Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie gestartet. Zusammen mit indischen Partnern haben wir damals das Waren-Siegel „Rugmark“ etabliert, das Teppiche auszeichnete, die garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt worden waren. Kinderarbeit in der Teppichindustrie war in den frühen 90er Jahren ein großes Problem in Nepal und Indien, das sehr prominent in den Medien präsentiert wurde. Zum anderen wurde der amerikanischen Firma Mattel, die vor allem durch Barbie und Matchboxautos bekannt ist, in einer indonesischen Fabrik, in der Bekleidung für Barbiepuppen genäht wurde, Kinderarbeit nachgewiesen. Daraufhin hat Mattel Maßnahmen ergriffen, um ihre Lieferanten stärker zu kontrollieren und einen Verhaltenskodex für seine weltweiten Produktionsstätten etabliert, weil sie den Imageschaden enorm fürchteten.

Menschen sitzen in einem Raum vor Mikrofonen und halten eine Pressekonferenz ab.
Pressekonferenz zu FairSpielt in Bonn 1997 mit Klaus Piepel (ganz links). (Foto: Heesel/MISEREOR)

War die Kampagne „fair spielt“ erfolgreich, und wer war daran beteiligt?

Piepel: Die Kampagne war durchaus erfolgreich, vor allem wenn man betrachtet, dass nur sehr wenige Leute diese Kampagne durchgeführt haben. Das waren eine Referentin von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), zwei Kollegen von der „Werkstatt Ökonomie“ in Heidelberg, die von MISEREOR mit Recherchen zu dem Thema beauftragt worden waren, außerdem das „Nürnberger Bündnis Fair Toys“, das immer anlässlich der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg für faire Arbeitsbedingungen in der Spielwarenindustrie demonstrierte, und ich von MISEREOR.

Wir haben gute Pressearbeit gemacht und mit dem Ansatz „Naming and Shaming“ gearbeitet: Wir haben Firmen angefragt, was sie zum Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren Fabriken tun, und das publiziert. Das hat die „Werkstatt Ökonomie“ über die Jahre immer wieder nachgehalten.
Wie wir schon bei der Rugmark-Kampagne gemerkt hatten, war auch wieder das Bündnis von Politik, NGOs und Handel von größter Bedeutung, um das Thema voranzubringen und Druck aufzubauen. Wir hatten beispielsweise sehr gute Kontakte zum Einkaufschef für Waren aus Asien bei Karstadt, und die Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Menschenrechte war die „Schirmfrau“ unserer Kampagne.

Wo stehen wir heute in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken?

Piepel: Durch die große mediale Verbreitung von Informationen über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken ist die Sensibilität für das Thema und das Bewusstsein für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den weltweiten Lieferketten der Spielzeugproduktion bei deutschen Firmen gestiegen. Aber es gibt noch viel zu tun – in vielen Fabriken Chinas, in denen Spielzeug für den westlichen Markt hergestellt wird, sind die Arbeitsbedingungen immer noch nicht akzeptabel. Deshalb haben zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter auch die Christliche Initiative Romero, engagierte Spielzeugunternehmen und der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie 2020 gemeinsam die „Fair Toys Organisation“ gegründet, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in diesem Bereich einsetzt.

Das Interview führte Johanna Deckers

Dieses Interview erscheint in einer Reihe, in der MISEREOR zum 50-jährigen Jubiläum des Fairen Handels in Deutschland die Entstehung und Entwicklung des Fairen Handels beleuchtet. Dazu hat MISEREOR mit verschiedenen Akteuren gesprochen, die bei oder in Kooperation mit MISEREOR daran beteiligt waren.


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Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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