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Biodiversität statt Gentech-Einfalt: Wie die Kondh ihre nachhaltige Lebensweise schützen

Die Kondh sind eine indigene Gemeinschaft im Süden des indischen Bundesstaates Odisha. Ihre Lebensweise und Traditionen zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur: mit ihrem Land, den Wäldern, Flüssen und Hügeln. Sie pflegen ein widerstandsfähiges und nachhaltiges Ernährungssystem – im Einklang mit ihrer Mitwelt. Auch hat sich über die Jahrhunderte eine Kultur des Füreinander-Sorgens und Miteinander-Teilens sowie ein Wertesystem entwickelt, das die Grenzen der Natur anerkennt und respektiert. Doch ihre Lebensweise ist in Gefahr, denn in ihrer Region wird verstärkt genetisch veränderte Baumwolle in Monokultur angebaut. Gemeinsam mit der MISEREOR-Partnerorganisation Living Farms bemühen sich die Kondh um den Schutz ihrer Lebensweise und Umwelt.

Kinder der Kondh Odisha Indien
Im Bemühen um den Schutz ihrer Lebensweise vor einem brachialen „Fortschritt“ wird die indigene Gemeinschaft der Kondh von der MISEREOR-Partnerorganisation Living Farms unterstützt. © Living Farms

Die Kondh-Gemeinschaft hat ihre nachhaltige Lebensweise über Jahrhunderte erhalten können. Doch die dramatischen Umwälzungen des „Fortschritts“ kommen einem Angriff auf die indigene Kultur gleich. Es ist ein Angriff, der das soziale und kulturelle Gefüge der Gemeinschaft in Stücke zu reißen droht. Das gleichberechtigte Aufteilen von Nahrungsmitteln, Saatgut und Arbeit untereinander sowie das geistige und ökologische Bewusstsein für die Verbindung von Mensch und Natur – die Werte und wesentlichen Grundsätze der Kondh – sind in Gefahr. Denn in ihrer Heimat soll genmanipuliertes Saatgut angebaut werden, das einen intensiven Einsatz von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln erfordert. Zudem wird die Lebensweise der Kondh von der allgemeinen Auffassung bedroht, dass Gemeinschaften nur dann „entwickelt“ sind, wenn sie über monetären oder materiellen Wohlstand verfügen. Ihre vormals unabhängige und relativ gleichberechtigte lokale Wirtschaft wird vom indischen Mainstream immer stärker als rückschrittlich, arm und unterentwickelt dargestellt.

Gentech-Baumwolle statt Nutzpflanzen-Vielfalt?

Als „Fortschritt“ gepriesen wird hingegen der Anbau genmanipulierter Baumwolle. Mit der sogenannten Hochleistungssorte Bt soll sich Schädlingsbefall besser kontrollieren, unter Einsatz von Pestiziden und chemischem Dünger die Erträge steigern lassen. Doch leider hat dieser „Fortschritt“ negative Folgen: Ausgelaugte Böden und vergiftete Flüsse und damit einhergehend schwindende Erträge. Zudem müssen Kondh-Kleinbäuerinnen und -bauern mehr und mehr Kredite aufnehmen, um das teure Saatgut, das speziell für die Bt-Baumwolle entwickelt wurde, bezahlen zu können. Die damit einhergehende Verschuldung bedeutet nicht selten, dass sie ihre Familie nicht mehr ernähren können. Viele nehmen sich aus Verzweiflung das Leben – in Indien sind es insgesamt zehntausende Bäuerinnen und Bauern pro Jahr. Durch die Umstellung von traditionellen Nutzpflanzen auf Bt-Baumwolle geht zudem indigenes Wissen unwiderruflich verloren.

traditionelles Dreschen von Getreide
Die Nahrungssicherheit sowie Autonomie der Kondh sind stark durch die Verbreitung des genmanipulierten Saatguts bedroht. Insbesondere Frauen protestieren dagegen, ihre traditionelle Landwirtschaft aufzugeben. © Living Farms

Der Kondh-Lebensraum ist von einem alarmierenden ökologischen Wandel betroffen. Das Gebiet war einst von großer Biodiversität geprägt, es gab zahlreiche unterschiedliche Hirse- und Reissorten sowie Waldfrüchte. Die Nahrungssicherheit sowie Autonomie vor Ort sind durch die Verbreitung des genmanipulierten Saatguts stark bedroht. Insbesondere Frauen protestieren dagegen, die traditionellen Anbaumethoden aufzugeben. Das agrarökologische Wissen der Kondh und anderer Gemeinschaften in der Region ist Grundlage für ihr Überleben. Sie bauen zwischen 70 und 80 verschiedene Nutzpflanzen an, z. B. Getreide, Hülsenfrüchte, Wurzeln, Knollen oder Hirse. Wenn nun die Vielfalt der angebauten Nutzpflanzen verschwindet, gefährdet das die Nahrungsmittelsicherheit der Kondh und nimmt ihnen mehr und mehr die Möglichkeit, sich an den Klimawandel anzupassen.

Jugendliche der Kondh in Odisha Indien
Jugendliche der Kondh-Gemeinschaft halten ihr Alltagsleben in den Dörfern und die gegenwärtigen Herausforderungen auf Film und Foto fest; so entsteht eine Film-Datenbank, die als kollektives Gedächtnis der Gemeinschaft und allgemeiner Aufklärungsarbeit dient. © Living Farms

Auf dem Irrweg

Die Ältesten der Kondh betrachten den aktuellen Wandel als existenzielle Bedrohung für ihr Volk. Dabei habe die Corona-Pandemie der Gemeinschaft die Chance eröffnet, innezuhalten und über den Weg nachzudenken, den die Weltgemeinschaft eingeschlagen hat: Markt- und konsumorientierte Systeme zwingen Menschen in die Verschuldung. Sie werden abhängig von außen und anfälliger für Krisen wie Dürren oder Überflutungen. Während der unsicheren Zeiten von Lockdown und eingeschränkter Mobilität ist sich die Gemeinschaft bewusst geworden, wie wichtig es ist, die vorherrschende Meinung aktiv in Frage zu stellen und ein realistisches „Gegennarrativ“ zu schaffen.

Living Farms: für eine nachhaltige Landwirtschaft

Im Bemühen gegen die Verdrängung ihrer Lebensweise durch einen brachialen „Fortschritt“ werden die Kondh auch von Living Farms unterstützt. Die MISEREOR-Partnerorganisation unterstützt die Kondh dabei, das ökologische Bewusstsein zu schützen, den Gemeinsinn zu festigen und die Tradition des Füreinander-Sorgens und Miteinander-Teilens zu bewahren. Gemeinsam mit Kondh aus über 800 Dörfern im Süden Odishas bemüht sich Living Farms zudem darum, die Philosophie und Praxis der nachhaltigen Landwirtschaft zu erhalten und zu stärken.

Ernährungsvielfalt bei den Kondh in Indien
Das agrarökologische Wissen der Kondh ist Grundlage für ihr Überleben: Sie bauen zwischen 70 und 80 verschiedene Nutzpflanzen an, z. B. Getreide, Hülsenfrüchte, Wurzeln, Knollen und Hirse. © Living Farms

Aufklärung durch positive Medienarbeit

Ein Teil der Arbeit von Living Farms besteht darin, positive Werte und Konzepte der Kondh-Lebensweise in der Öffentlichkeit zu stärken. Dazu gehören Gemeinsinn, Resilienz, Selbstversorgung, Gleichheit, Klima- und Gendergerechtigkeit. Wenn dies gelingt, wird das Interesse an der Kondh-Gemeinschaft zunehmen wie auch die Nachfrage nach entsprechenden Informationen. Um dieses Informationsinteresse zu bedienen, haben Jugendliche der Kondh-Gemeinschaft damit begonnen, ihr Alltagsleben und die gegenwärtigen Herausforderungen auf Film und Foto festzuhalten. So entsteht Schritt für Schritt eine (Film-) Datenbank, die als kollektives Gedächtnis der Gemeinschaft dient und für allgemeine Aufklärungsarbeit verwendet werden kann. Gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie kann Medienarbeit wichtige Unterstützung leisten und helfen, Menschen über Grenzen hinweg zu erreichen und für die Sache der Kondh zu gewinnen.

Doku-Filme zeigen Herausforderungen der Kondh

Durch das Engagement von Living Farms und unter Mithilfe junger Menschen der Gemeinschaften sind in den Kondh-Dörfern zwei Kurzdokumentationen entstanden (Killing trough Cotton und Unwanted Guests, beide mit englischen Untertiteln). Sie beschäftigen sich insbesondere mit den Themen Bt-Baumwolle, Monokulturen sowie chemische Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Eine Maßnahme besteht für Living Farms darin, die Dokus in mehr als 800 Dörfern zu zeigen. Im Anschluss an die Filmvorführung wird zur Diskussion und kritischen Auseinandersetzung eingeladen. Auf diese Weise soll auch eine gemeinsame Antwort der Gemeinschaft auf die Herausforderungen herausgearbeitet werden.

Permakultur und nachhaltige Landwirtschaft der Kondh
Das Gebiet war einst von großer Biodiversität geprägt, es gab zahlreiche unterschiedliche Hirse- und Reissorten sowie Waldfrüchte. © Living Farms

Indigene Netzwerkarbeit

Es ist die feste Überzeugung von Living Farms, dass in dem kreativen Talent der Kondh-Jugendlichen und in den von ihnen erstellten Dokus immenses Potenzial steckt. Langfristig könnten auch weitere Dokus über einen eigenen YouTube-Kanal verbreitet werden. Dadurch würde auch die Möglichkeit geschaffen, sich mit anderen indigenen Gemeinschaften weltweit zu vernetzen, sich auszutauschen, ihre Traditionen und Kultur zu vermitteln und von anderen zu lernen. Mehr denn je ist es an der Zeit, weltumspannende Solidarität zwischen Gemeinschaften aufzubauen und Räume zu öffnen, um über Alternativen zum gegenwärtigen Kapitalismus zu reden. Und es ist an der Zeit für uns alle, von der nachhaltigen Lebensweise zu lernen.

Über den Autor: Debjeet lebt und arbeitet in Indien.


Die Kurzdokumentationen der Kondh bei YouTube:

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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