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Internationaler Tag der Umwelt: Das Recht auf Leben – für die Natur

Bis vor wenigen Jahren wurde die Forderung, „Natur“ als Subjekt mit eigenen Rechten zu betrachten, noch als utopische Träumerei abgetan. Mittlerweile sind die spottenden Stimmen größtenteils verstummt. Einige Staaten haben die Rechte der Natur in ihre Verfassungen aufgenommen. MISEREOR-Partnerorganisationen engagieren sich beispielsweise in Kolumbien, Ecuador, Bolivien und auf den Philippinen für Rechte der Natur, einige klagen diese sogar vor Gericht ein. Der Tag der Umwelt am 5. Juni ist auch für sie Anlass, lautstark die Rechte der Natur einzufordern.

Indigene Siona Putumayo Ecuador
Ecuador hat die Natur als Rechtssubjekt verfassungsrechtlich anerkannt; ein Stellenwert, den einige indigene Gemeinschaften ihr schon seit Jahrhunderten zusprechen. © Daniel Acosta / Pixabay

Verfassungen garantieren Rechte der Natur

Der erste große Durchbruch des Konzeptes „Rechte der Natur“ gelang im Jahr 2010 auf der Weltkonferenz in Bolivien mit der „Allgemeinen Erklärung der Rechte der Mutter Erde“. Seitdem wächst die Bewegung kontinuierlich an. Weltweit klagen Gruppen und Organisationen Rechte für Flüsse, für Wälder, für Tiere ein. Einige Staaten wie Bolivien und Ecuador haben die Natur als Rechtssubjekt verfassungsrechtlich anerkannt. Ein Stellenwert, den einige indigene Gemeinschaften der Natur schon seit Jahrhunderten zusprechen – und danach leben. Auch in Uganda wurden bestimmte Rechte der Natur in die Verfassung aufgenommen. Flüssen In Mexiko und Bangladesch wurden Rechte zugesprochen, die sie vor der weiteren Verschmutzung bewahren soll.

Ökologische Zerstörung schreitet voran

Allen Umweltauflagen und Forderungen nach Nachhaltigkeit zum Trotz schreitet die Naturzerstörung weiter voran. Ökosysteme verschwinden, die Artenvielfalt reduziert sich Jahr für Jahr. Die Abholzung des Regenwaldes am Amazonas hat sich in den letzten Jahren beschleunigt. Er muss Sojaplantagen weichen. Mangrovenwälder, die seit jeher Küsten vor Stürmen und Überschwemmungen schützen, werden bei der Nutzbarmachung durch Krabbenfarmen zerstört. Die Auswirkungen des Klimawandels sind überall erkennbar. Und dem Glauben, dass wir die fortschreitende Erderwärmung noch auf 1,5° Grad begrenzen können, weicht immer mehr die Einsicht, dass diese Latte mit den bisher eingeschlagenen Schritten gerissen wird.

Rechte der Natur Marsch 2019 Bucaramanga Kolumbien
In Kolumbien finden am Tag der Umwelt im ganzen Land Demonstrationszüge statt, auf denen Umweltvergehen angeprangert werden; das Foto zeigt den Marsch 2019 in Bucaramanga. © Compromiso

Gesetze, die uns zum Umdenken zwingen

„Wir werden unser Leben auf Kosten der Natur nicht freiwillig aufgeben. Wir müssen uns mit Gesetzen dazu zwingen.“ Diese Forderung könnte von Indigenen-Verbänden im Amazonas erhoben worden sein. Allerdings stammt sie Prof. Jens Kersten, einem deutschen Rechtswissenschaftler, der sich seit vielen Jahren für mehr Rechte für die Natur einsetzt. Tatsächlich drängt uns die anhaltende Zerstörung zum Gegensteuern. Die Natur wird im Namen des Fortschritts und der Entwicklung zum Selbstbedienungsladen. Doch wie lange noch wird es ein „Weiter so“ geben? Immer mehr Menschen setzen sich weltweit für die Bewahrung der Schöpfung ein. Denn auch „die Natur hat ein Recht auf Leben und darauf, respektiert zu werden“, wie es in der ecuadorianischen Verfassung heißt. Viele Betroffene im globalen Süden – und mit ihnen MISEREOR-Partnerorganisationen –, etwa in Ecuador, Bolivien, Kolumbien und auf den Philippinen, klagen die Rechte der Natur ein. Und nutzen den Tag der Umwelt, um den dringlichen Schutz der Natur einzufordern.

Kolumbien: Demonstrationszüge wie zu Karneval

In Kolumbien gibt es zum Tag der Umwelt im ganzen Land Demonstrationszüge von Künstler*innen, Musiker*innen und Engagierten sowie Aktivist*innen. Sie prangern die Umweltvergehen vergangener Jahre an und rufen zum Schutz der Kleinbauern, ihren Gemeinden und Anbauflächen auf. Der erste Protestzug 2008 richtete sich gegen die Goldmine La Colosa und findet seither jedes Jahr zum Tag der Umwelt statt. Die MISEREOR-Partnerorganisation CENSAT ist mit dabei. Sie macht sich stark für die Natur und ihren Erhalt und ist Mitstreiterin für die Rechte der Natur.

Bolivien: Konferenz mit David Boyd

Menschrechtsverletzungen und Umweltschäden durch Bergbau sind die Themen, für die sich die bolivianische Partnerorganisation CEDIB einsetzt. Ab dem Tag der Umwelt laden sie zu unterschiedlichen Events ein. Hervorheben kann man die Konferenz am 15. Juni, denn daran wird auch David Boyd teilnehmen, der UN-Sonderberichterstatter für Umwelt und Menschenrechte ist und Autor des Buches „Die Natur und ihr Recht“.

PMPI Philippinen: für eine „holistische Entwicklung“

Seit 2018 engagiert sich das Netzwerk Partnership Mission for People‘s Initiatives (PMPI) auf den Philippinen mit ihrer Kampagne für die Rechte der Natur Die MISEREOR-Partnerorganisation kämpft damit für die gesetzliche Verankerung des Rechtes der Natur, um die natürlichen Ressourcen, die Ökosysteme, die Existenzgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu schützen und zu bewahren. Ein Meilenstein erreichte PMPI im Oktober 2019: Die Senatorin Risa Hontiveros bringt den von PMPI entworfenen Gesetzesentwurf im Kongress ein. Doch es geht nicht alleine darum, Gesetze zu verändern, wie Yoly Esguerra von PMPI beschreibt. Das Ziel sei vielmehr ein neues, holistisches Entwicklungsparadigma zu entwickeln, mit dem das wachstumsgetriebene Entwicklungsstreben verabschiedet und durch eine Kultur der Suffizienz ersetzt werde. Es gehe darum, eine Gesellschaft auf Basis vitaler Ökosysteme aufzubauen und nicht eine, die auf Ausbeutung und geopolitischen Machtinteressen begründet ist.

Gesetzesvorlage Rechte der Natur Philippinen
Meilenstein für die Partnerorganisation PMPI im Oktober 2019: Die Senatorin Risa Hontiveros (2. v. r.) bringt den von PMPI entworfenen Gesetzesentwurf im Kongress ein. © PMPI

Wer für die Umwelt kämpft, lebt gefährlich

Unterstützung und Lobby-Arbeit für Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Umwelt engagieren, können auf den Philippinen Leben kosten. Denn die Philippinen gehören laut UN mittlerweile zu den gefährlichsten Ländern weltweit für Umweltaktivist*innen. Doch das hält Yoly Esguerra und die Mitstreiter*innen von PMPI nicht davon ab, sich lautstark für das Recht der Natur einzusetzen.

Geht es der Natur schlecht – geht es dem Menschen schlecht

Noch nutzt die gängige Wirtschaftsweise die Natur als Rohstofflieferanten, der ziemlich unbekümmert ausgebeutet wird. Trotz bestehender Umweltgesetze auf den Philippinen sind massive Umweltverschmutzung und -zerstörung an der Tagesordnung. Sie rauben den indigenen und häufig armen Bevölkerungsgruppen nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch ihre soziale und kulturelle Identität sowie ihre menschliche Würde.

Bischofskonferenz für „Rechte der Natur“

Das Engagement von PMPI zielt hingegen ab auf einen Paradigmenwechsel. Yoly Esguerra und Mitstreiter*innen kämpfen für eine gesetzliche Verankerung des Rechtes der Natur, um die natürlichen Ressourcen, Ökosysteme und Existenzgrundlage von Mensch, Tier und Pflanzen zu schützen. Diese Ziele bekräftigt auch die philippinische Bischofskonferenz in ihrem Hirtenbrief vom Juli 2019 und unterstützt ausdrücklich das Engagement von PMPI. Letztlich ist die politische Akzeptanz der „Rechte der Natur“ ohne eine breite gesellschaftliche Unterstützung nicht erreichbar. „Wir wollen die Diskussion zur Gesetzesinitiative ausweiten“, betont Macki Maderazo, Rechtsanwalt und Berater von PMPI.

Rechte der Natur Demo PMPI Philippinen
Die MISEREOR-Partnerorganisation PMPI auf den Philippinen setzt sich für eine gesetzliche Verankerung des Rechtes der Natur ein, um die Ökosysteme zu bewahren. © PMPI

„Rechte der Natur“ im globalen Norden

Die Vernetzung Engagierter zu den Rechten der Natur wächst – langsam aber sicher – über Landesgrenzen hinaus und verbindet sich über die Kontinente hinweg. Wir können vom Engagement unserer Partnerorganisationen lernen. Indem wir z. B. den holistischen Blick der Indigenen auch auf „unsere Welt“ des globalen Nordens richten. Wir werden erkennen müssen: Um die Schöpfung für kommende Generationen zu bewahren, braucht es das einklagbare Recht der Natur. Deshalb ist MISEREOR Teil dieser weltweiten Bewegung.

Autor*innen: Gabriele Rath ist MISEREOR-Referentin in der Abteilung Partnerschaften und Spenderkontakte. Steffen Ulrich ist Referent für die Philippinen in der Asienabteilung von MISEREOR.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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