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„Reden wir über Gerechtigkeit“ – Ajay Jha zum Klimagipfel in Glasgow

Während der Klimagipfel COP26 am Samstagabend zu Ende ging, dauerte sie für Ajay K. Jha, den Leiter der MISEREOR-Partnerorganisation PAIRVI, ein paar Tage länger. Er infizierte sich mit dem Corona-Virus und musste 10 Tage in Edinburgh in Quarantäne verbringen – zum Glück ohne schwer zu erkranken. Vor seiner Abreise schickte er uns dieses Interview mit sich selbst.

COP26 Glasgow Konferenzort
„Es gibt so gut wie keine Fortschritte in den Bereichen Anpassungsfinanzierung, Klimafinanzierung und Klimaschutz zu vermelden; nur im Geiste des Kompromisses und der Solidarität haben die Entwicklungsländer zugestimmt.“ © Office of U.S. Ambassador to U.K. / Public Domain

Wie ich die COP26 erlebt habe

Diese COP war eine Herausforderung. Die Ungewissheit vor der COP, ob ich überhaupt teilnehmen kann, die Voranmeldung für die Corona-Tests, die alltäglichen Tests. Das Konferenzzentrum war etwas unübersichtlich, der Grundriss nicht leicht zu verstehen, lange Warteschlangen für den Einlass. Die Verringerung des Kontingents und die äußerst schwierigen Bedingungen für die Anmeldung von Nebenveranstaltungen und Ausstellungen ließen die Konferenz als ausgrenzend erscheinen.

Was ich auf der COP26 gemacht habe

Wir haben einige Nebenveranstaltungen und Pressekonferenzen im Konferenzzentrum mit veranstaltet. Auch beim People‘s Summit gab es zwei Nebenveranstaltungen mit südasiatischen Teilnehmer*innen, die ich koordinierte. Wir hatten zudem ein Treffen mit prominenten Vertreter*innen der Grünen Parteien von England, Wales und Schottland sowie der Labour Party. Außerdem haben wir einige Interviews gegeben.

Die wichtigste Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, war jedoch die Produktion von Podcasts und Videos – auch auf Hindi – für unsere Basisorganisationen und Medienkolleg*innen zu Hause. Wir schickten fast täglich Updates zu den Verhandlungen und anderen Ereignissen, einschließlich der Live-Übertragung vom Glasgow Climate March.

Was erreicht wurde und was enttäuscht hat

Es gibt ein paar Ergebnisse, die die COP26 in Glasgow irgendwie gerettet haben: Das 1,5-Grad-Limit bleibt erreichbar. Es wurde ein Investitionsstopp für waldzerstörende Projekte vereinbart, ebenso die Verpflichtung, Methanemissionen zu verringern. Die Erklärung zur Zusammenarbeit zwischen den USA und China ist ein positives Signal. Auch Indien ist ehrgeizige Verpflichtungen eingegangen und es liegt nun an den Industrieländern, mit Finanzmitteln und Technologie zu unterstützen. Mehr noch als im internationalen Raum muss Indien jedoch den Schwerpunkt auf den Zugang zu Energie, die Verringerung der Anfälligkeit für extreme Klimaereignisse und die Reduzierung der Luftverschmutzung als Notfall legen!

Ansonsten gab es so gut wie keine Fortschritte in den Bereichen Anpassungsfinanzierung, Klimafinanzierung und Klimaschutz. Jedes dieser Themen ist für die Entwicklungsländer wichtig und viele von ihnen waren enttäuscht und stimmten dem Endergebnis nur „im Geiste des Kompromisses und der Solidarität“ zu.

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„Wenn wir eine Chance haben wollen, die Welt zu retten, dann müssen wir über Gerechtigkeit reden und das 1,5-Grad-Limit einhalten.“ © Kelly Sikkema / Unsplash

Die Klimafinanzierung war zu einer Vertrauensfrage geworden und die Aussage des COP-Präsidenten, dass 100 Mrd. US-Dollar nicht vor 2023 bereitgestellt werden können, war ein schlechter Anfang. Die COP konnte sich von diesem anfänglichen Vertrauensverlust nicht erholen. Was die Anpassungsfinanzierung anbelangt, so ist in dem Beschluss über die Deckung der Kosten von einer Verdoppelung bis 2025 die Rede, was bei den derzeitigen Raten von maximal 10 bis 15 Mrd. US-Dollar pro Jahr keine sinnvolle Finanzierung für die Zukunft bedeutet.

Was die Vermeidung von Treibhausgasen betrifft, so beanspruchen die Industrieländer weiterhin den Raum in der Atmosphäre und für kleine Länder bleibt kein Entwicklungsraum übrig. Die sieben historischen Verursacher (USA, Vereinigtes Königreich, Australien, Kanada, Japan, Russland und EU-27) trugen zwischen 1870 und 1989 zu 76 % der Kohlenstoffemissionen bei. Betrachtet man das Emissionsprofil von 1870 bis 2030, so werden die sieben historischen Verursacher weiterhin mehr als die Hälfte der atmosphärischen Fläche beanspruchen!

„Die sieben historischen Verursacher sollten bis 2030-2035 klimaneutral sein, andere größere Länder bis 2050. Nur dann gäbe es Entwicklungsspielraum für die kleineren Länder.“ © Ajay Jha / PAIRVI

Wie mein abschießendes Fazit lautet

Geht man von den heutigen Trends aus, werden die Pro-Kopf-Emissionen im Jahr 2030 bei den Australiern 11,1 Tonnen, bei den Amerikanern 9,4 Tonnen, bei den Kanadiern 8,7 Tonnen, bei den Europäern (außer den Briten) 4 Tonnen, bei den Chinesen 8 Tonnen, bei den Indern 3 Tonnen und bei den Marokkanern 0,6 Tonnen betragen. Das ist Geschichte, die neu geschrieben wird, und keine Gerechtigkeit! Wenn wir eine Chance haben wollen, die Welt zu retten, dann müssen wir über Gerechtigkeit reden und das 1,5-Grad-Limit einhalten. Die sieben historischen Verursacher sollten bis 2030-2035 klimaneutral sein, andere größere Länder bis 2050. Nur dann gäbe es Entwicklungsspielraum für die kleineren Länder. Der COP-Präsident und viele Länder haben in Indien einen guten Sündenbock gefunden, dem sie die Schuld für das bescheidene Gelingen der Konferenz geben können. Aber wir haben nicht so viel Zeit, um Jahr für Jahr auf eine Verbesserung der Ergebnisse zu hoffen!

Über den Autor:

Ajay K. Jha ist Direktor der Public Advocacy Initiative for Rights and Values in India (PAIRVI). Die MISEREOR-Partnerorganisation arbeitet zur Stärkung lokaler und gemeindebasierter Initiativen und Basisorganisationen zur Förderung der Menschenrechte und nachhaltiger Klimapolitik in Indien.


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Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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