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4days4future: Freiwilligen-Treffen anlässlich der COP26

Der Duft nach Jugendherberge. Ein Tagungsraum mit Stuhlkreis, in der Mitte ein hübsches Tuch mit einer Kerze darauf. Endlich! Ein MISEREOR-Treffen, nach langer Zeit nicht virtuell, sondern „in echt“: Ein Treffen von MISEREOR-Freiwilligendienstrückkehrer*innen und Freiwilligen der Schweizer Organisation Fastenopfer. Wir alle sind anlässlich der UN-Klimakonferenz in Glasgow nach Köln gereist, um vier Tage zu Klimakrise, Klimaschutz und Klimagerechtigkeit zu arbeiten und uns auszutauschen: 4days4future!

Unsere Flashmob-Gruppe vor dem Kölner Dom. © Freiwilligendienst / MISEREOR

DAY ONE: „Braunkohleabbau und Zwangsumsiedlungen“

Wir starten mit einem enthusiastischen Wiedersehen und dem Kennenlernen der Schweizer Delegation. Madita und Johanna, zwei ehemalige MISEREOR-Freiwillige, stellen uns den Dachverband katholischer Organisationen in Europa und Nordamerika, CIDSE, vor, der dieses Treffen gefördert und unterstützt hat. Bereits vor zwei Jahren bei der COP24 in Kattowitz waren „Rückis“ im Rahmen einer Delegation der CIDSE aktiv im Einsatz. Mir wird wie so oft bewusst, wie wertvoll der Zusammenschluss von jungen Menschen ist und wie viel Tatkraft hierbei zustande kommt, die die Klimabewegung voranbringt.

Anschließend erhalten wir virtuellen Besuch aus Glasgow von Bernd Nilles, dem Geschäftsführer von Fastenopfer Schweiz. Live per Videochat berichtet er vom größten Braunkohleabbaugebiet Europas, mitten in NRW. Nach dem im letzten Jahr beschlossenen Kohleausstieg will der Konzern RWE bis 2038 noch ca. 670 Tonnen Braunkohle weiter abbauen. Deshalb werden bis dahin weiterhin Dörfer zwangsumgesiedelt und abgebaggert. Lützerath ist eines davon. Bernd Nilles informiert uns über die ökologischen Auswirkungen und gibt einen ganz persönlichen Einblick: Seine Heimat liegt in der unmittelbaren Nähe des Tagebaus Garzweiler II.  Uns wird deutlich, wie sehr ihm der Schutz der Heimat, der Natur, der fruchtbaren Böden am Herzen liegt. Er spricht von einer toten Mondlandschaft. Schon am nächsten Tag bekommen wir sie selbst zu sehen.

Sprach- und eigentlich auch fassungslos stehen wir am Rande des Abbaugebietes. Es ist krass. Totes Land. © Freiwilligendienst / MISEREOR

DAY TWO: Besuch im Tagebau Garzweiler

Mit ausgeliehenen gelben Fahrrädern machen wir uns – mit der Bahn bis Hochneukirch – auf den Weg ins Braunkohleabbaugebiet. Nach kurzer Fahrradfahrt vom Bahnhof stehen wir sprach- und eigentlich auch fassungslos am Rand des Abbaugebietes. Es ist krass. Totes Land. Bernd Nilles hat nicht übertrieben. Gerade als uns Anna geographische Infos zum Tagebau Garzweiler gibt, beginnt ein skurriles Igel-Hase-Spiel. Security-Angestellte von RWE kommen. Sie schicken uns von unserem Aussichtspunkt weg. Sie verfolgen uns daraufhin regelrecht. Jedes Mal, wenn wir an einer anderen Stelle anhalten, von der aus wir einen guten Blick auf den gesamten Tagebau hätten, tauchen sie auf. Obwohl die Security-Angestellten nicht übergriffig sind, wirken sie auf mich einschüchternd und bedrohlich. Dabei haben wir nichts Verbotenes getan.

Geisterhafte Dörfer

Wir erhalten keine Chance mehr, einen längeren unmittelbaren Blick auf den Tagebau zu werfen. Aber unser eigentliches Ziel ist ohnehin der Eggerather Hof. Auf dem Weg dorthin radeln wir durch das bereits halb ausgesiedelte Dorf Keyenberg. Halb ausgesiedelt deshalb, da RWE vielen Dorfbewohner*innen die Grundstücke abgekauft hat, um das Dorf in absehbarer Zukunft zu räumen und den Tagebau auszuweiten. Es ist geisterhaft. Lkw brettern laut durchs Dorf – ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Wie müssen sich die Menschen hier fühlen? Sie verlieren ihre Heimat für die Kohle, deren Verbrennung den Klimawandel vorantreibt. Aber nicht nur hier sind Menschen davon betroffen – im Globalen Süden sind es zum Beispiel all die pazifischen Inseln, die durch den Meeresspiegelanstieg untergehen werden. Wie viele davon passen wohl in die gigantische Tagebau-Grube?!

In Lützerath kämpft Eckardt Heukamp als letzter verbliebener Einwohner gegen den Abriss seines Bauernhofes; über seine Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Münster wird Anfang Januar entschieden. © Freiwilligendienst / MISEREOR

Drohender Verlust vom eigenen Zuhause

Frau Schmitz vom landwirtschaftlichen Familienbetrieb Eggerather Hof empfängt uns mit großer Herzlichkeit. Sie erzählt aus ihrer ganz persönlichen Perspektive: Wie es ist, täglich mit dem Verlust vom eigenen Heim konfrontiert zu sein, von der Bedrohung ihrer landwirtschaftlichen Existenz, von der systematischen Zerstörung von Dorf- und Vereinsleben, von Traumata durch Abriss und Enteignung. Wir picknicken im Innenhof, Hühner gackern, Katzenkinder miauen. Landidylle pur. Die Bedrohung durch einen internationalen Großkonzern ist per Luftlinie nur wenige Meter entfernt.

Nur ein Drittel des wertvollen, sehr fruchtbaren Lössbodens (er speichert viel Wasser und bietet eine hohe Ertragssicherheit) bliebe durch Umsiedlung erhalten, wenn die landwirtschaftliche Fläche von RWE aufgekauft und dem Tagebau zum Opfer fallen würde. Schon jetzt leidet die Landwirtschaft unter dem Tagebau wegen der Absenkung des Grundwasserspiegels und den vielen Pumpstationen, die überall auf den Feldern platziert sind. Ist das nicht unlogisch?! Fruchtbares Land, ein kostbares Gut in Zeiten des Klimawandels, das uns das Grundlegendste überhaupt gibt, nämlich Nahrung, wird unwiederbringlich zerstört, um dreckigste Energie zu erzeugen! Ich muss keine Spezialistin in dieser Thematik sein, um zu verstehen, dass dies nicht richtig ist.

Unser eigentliches Ziel: der landwirtschaftliche Familienbetrieb Eggerather Hof, auf dem uns Frau Schmitz herzlich empfängt. Sie erzählt, wie es ist, täglich mit dem drohenden Verlust vom eigenen Zuhause konfrontiert zu sein. © Freiwilligendienst / MISEREOR

Zelt- und Baumhausdorf in Lützerath

Unser nächstes Ziel ist Lützerath. Dort treffen wir Florian, einen der Pressesprecher des Camps, der uns das Zelt- und Baumhausdorf zeigt und die Strukturen erklärt. Er berichtet vom schrittweisen Aufbau des Camps und von Eckardt Heukamp, der als letzter verbliebener Einwohner in Lützerath gegen den Abriss seines Bauernhofes kämpft und über dessen Klage das Oberverwaltungsgericht Münster Anfang Januar entscheiden wird. Florian macht deutlich, welchen Stellenwert die mediale Aufmerksamkeit in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen hat. Es braucht öffentliche Aufmerksamkeit über das, was hier passiert, sagt er. Mich beeindrucken die jungen Klimaaktivist*innen, die hier bei winterlichen Temperaturen in einem Zeltlager auf der Wiese hinter dem Hof zusammenleben und sich aus einem Gefühl der Solidarität für Klimagerechtigkeit und das „gute Leben für alle“ einsetzen. Heute im Kleinen, morgen im Großen, sagt Florian, wir im globalen Norden tragen eine enorme Verantwortung – und jede*r entscheidet selbst, wie er oder sie sich für einen Wandel in der Welt einbringt. Mit diesen Worten verabschiedet sich Florian von uns. Er ist zur Kloputzschicht im selbst organisierten Camp eingeteilt – und verschwindet zwischen den Zelten. Wir radeln in der Dämmerung wie eine lebendige Lichterkette zurück zum Bahnhof. Innerlich sind wir aufgewühlt und voller Eindrücke.

DAY THREE: Flashmob zu Klimagerechtigkeit vor dem Kölner Dom

Unser dritter Tag beginnt mit zwei verschiedenen Programmpunkten: Ein Teil der Gruppe macht sich auf zu einer nachhaltigen Stadtführung durch Köln, die anderen bereiten mit Feuereifer einen Flashmob mit Lied, Tanz und Verkleidung vor: „I tell you what I want, what I really, really want… I wanna make a change!” Unsere Version des Spice-Girls-Songs bezieht sich natürlich auf die Klimakonferenz in Glasgow. „If you wanna safe the future, you have to act right now…“. Vor dem Kölner Dom hat unser Flashmob dann Premiere – zeitgleich wird er von CIDSE-Jugendgruppen in Portugal, Italien und Spanien aufgeführt. “Fight for climate justice, in solidarity we stand.“

Mit Fahrrädern machen wir uns auf den Weg ins Braunkohleabbaugebiet. © Freiwilligendienst / MISEREOR

MISEREOR auf der COP26

Nachmittags schalten wir uns per Zoom nach Glasgow. Auch andere CIDSE-Jugendgruppen sind virtuell dabei. Wir schauen in Wohnzimmer in Lissabon, Madrid und Mailand. In Breakout-Rooms sprechen wir mit der MISEREOR-Klimareferentin Anika Schroeder, die als Beobachterin bei der COP26 anwesend ist. Sie informiert uns über die aktuellen, zähen Verhandlungen der Klima-Konferenz. Außerdem erfahren wir, dass die fossile Lobby, das heißt Delegationen fossiler Konzerne wie RWE, unverhältnismäßig groß auf der COP vertreten sind im Vergleich zu Vertreter*innen aus den von der Klimakrise am meisten betroffenen Ländern. Natürlich werden in dieser Konstellation Interessen ungleich gewichtet. Das macht uns wütend.

Am Abend gibt es eine Filmpremiere! Wir schauen den Dokumentarfilm “The future lies with youth” der CIDSE-Initiative „Change for the planet, care for the people“. Der Film ist bewegend und vor allem inspirierend. Junge Protagonisten*innen aus der ganzen Welt, darunter auch der ehemalige MISEREOR-Freiwillige Philipp, erzählen, wie und warum sie sich für Klimagerechtigkeit engagieren. Phillipps Szenen sind in Lützerath gedreht – für uns schließt sich damit in gewisser Weise an diesem Abend ein Kreis.

DAY FOUR: Kraft und Energie für den weiteren Weg

Mit liebevollen Dankesworten und Austausch über die Impressionen der letzten Tage enden unsere 4days4future. Was für ein wertvolles Wochenende! Ich reise bestärkt nach Hause, ich spüre, dass ich nicht alleine bin. Ich nehme neuen Mut und das Gefühl mit, dass es sich lohnt, weiter für unser Klima zu kämpfen. Ich bin versorgt mit exklusiven Informationen und Eindrücken von Menschen, die direkt von Ungerechtigkeiten betroffen sind. Ich habe neue Ideen und Inspirationen. Ich habe Kraft und Energie getankt durch den Austausch mit Gleichgesinnten. Das Gefühl der Vernetzung mit anderen Menschen gibt mir Hoffnung. Ich reise nach Hause mit Einblicken in Geschehnisse, die meine Zukunft beeinflussen, die die Erde in ihrer Gestalt, in ihrer Ergiebigkeit beeinflussen. Ich bin wieder ein bisschen mehr gerüstet und bereit für die nächsten Schritte, mich in Richtung „gutes Leben für alle“ auf den Weg zu machen.

Danke an alle, die das möglich gemacht und mitgewirkt haben!

Über die Autorin: Nadja Pitter war 2018/19 als MISEREOR-Freiwillige in Malawi.

 

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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