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Wenn Kinder wieder Kinder sein dürfen

Jana Echterhoff ist Länderreferentin in der Lateinamerika-Abteilung u.a. für Kolumbien und besuchte im Sommer 2022 einige Partnerorganisationen vor Ort. Das Projekt von „Corporacíon Proyectarte“ im Bereich Jugendarbeit ist ihr dabei besonders in Erinnerung geblieben. Dieses begleitet vierzehn- bis achtzehnjährige Ex-Kombattant*innen (Angehörige von Kampfgruppen) im bewaffneten Konflikt auf ihrem Weg in ein ziviles Leben. Die Jugendlichen haben in ihrer Vergangenheit viele traumatische Erfahrungen machen müssen. Proyectarte ermöglicht ihnen, durch therapeutische Begleitung insbesondere in Form von Kunstprojekten ihre Erlebnisse aufzuarbeiten und einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. In dem aktuellen Projekt werden bis zu 180 Jugendliche unterstützt.

Die Jugendlichen lassen ihrer Kreativität freien Lauf und erschaffen verschiedene Kunststücke. © Corporación Proyectarte
Die Jugendlichen lassen ihrer Kreativität freien Lauf und erschaffen verschiedene Kunststücke. © Corporación Proyectarte

Liebe Jana, welches ist dein Lieblingsprojekt?

Es ist schwer, sich zu entscheiden, weil es viele tolle Projekte gibt. Aber eines, das ich im Juni besucht habe und mich sehr bewegt hat, war ein Projekt der „Corporacíon Proyectarte“in Medellín. Die Partnerorganisation arbeitet mit Ex-Kombattant*innen, die im bewaffneten Konflikt in Kolumbien gekämpft haben. Misereor fördert die Organisation seit 2016. Die Jugendlichen wohnen dort zusammen. Es gibt ein Tagesprogramm und psychologische Begleitung, weil viele von ihnen von ihrer Zeit als Kombattant*innen traumatisiert sind.

Warum liegt dir das Projekt der Corporacíon Proyectarte besonders am Herzen?

Die Jugendlichen im Projekt bekommen die Chance, sich durch Kunst auszudrücken und ihre Traumata zu verarbeiten. Sie sind alle unter 25 Jahre alt und mussten schon viele belastende Erfahrungen machen. Diese können sie so ein Stück weit hinter sich lassen. Es gibt verschiedene Projekte und Angebote, zum Beispiel das Basteln von Traumfängern, sogenannten „Atrapasueños“. Als ich dort war, habe ich gesehen, wie stolz die Jugendlichen auf ihre Produkte sind, wie sie sich austoben und Selbstbewusstsein schöpfen können.

Die Jugendlichen verarbeiten ihre Traumata durch verschiedene Kunstprojekte. Hier zum Beispiel beim basteln von Traumfängern
Die Jugendlichen verarbeiten ihre Traumata durch verschiedene Kunstprojekte. Hier zum Beispiel beim Basteln von Traumfängern © Corporación Proyectarte

Wie sieht die Arbeit der Partner vor Ort aus und warum ist sie so wichtig?

Außerdem arbeiten die Jugendlichen an ihren „Planes de vida“, ihren Lebensplänen. Dabei überlegen sie sich, wie es nach ihrer Zeit bei Proyectarte weitergehen soll und bekommen Bildungsangebote. Das Projekt ist erst einmal nur für die Phase der sozialen Wiedereingliederung vorgesehen. Wie es danach weitergeht ist ungewiss, doch das Ziel ist, dass die Jugendlichen zurück ins Leben finden. Ein großes Problem liegt darin, dass Kolumbianer*innen, die im bewaffneten Konflikt gekämpft haben, sozial geächtet werden.

Erschwert wird ihre Resozialisierung dadurch, dass Ex-Kombattant*innen oft keine Berufsausbildung haben. Die Gefahr, dass die Guerillagruppen sie wieder anwerben, ist sehr hoch. Mithilfe des Projekts soll das unbedingt vermieden werden.

Hier besucht die Organisation die Partner von WAPA: Diese unterstützen und finanzieren Reintegrationsprogramme wie Proyectarte. © Corporación Proyectarte
Hier besucht die Organisation die Partner von WAPA: Diese unterstützen und finanzieren Reintegrationsprogramme wie Proyectarte. © Corporación Proyectarte

Obwohl 2016 die Friedensverträge mit der FARC-Guerilla, den „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“, unterzeichnet wurden, gibt es also weiterhin bewaffnete Konflikte. Welche Probleme ergeben sich daraus für Proyectarte?

Der Friedensvertrag von 2016 wurde nur mit der FARC geschlossen. Das ist die größte Guerillagruppe Kolumbiens. Die Umsetzung verlief bislang nur sehr zögerlich. Zudem gibt es auch andere bewaffnete Gruppierungen, daher war auch 2016 schon zu erwarten, dass das Problem bestehen bleibt. Während der Corona-Pandemie wurde es noch problematischer: Der Staat war wenig präsent, sodass ein Machtvakuum entstanden ist. Dieses Machtvakuum wurde von bewaffneten Gruppierungen ausgefüllt und Guerilla-Gruppierungen konnten weiterhin Jugendliche anwerben. Diese kommen häufig aus schwierigen Verhältnissen und steigen aus einer Notsituation heraus ein. Proyectarte versucht, genau diese Gruppe von Jugendlichen zu erreichen.

Beim Basteln der sogenannten „Atrapasueños, können die Jugendlichen wieder Selbstbewusstsein schöpfen. © Corporación Proyectarte
Beim Basteln der sogenannten „Atrapasueños, können die Jugendlichen wieder Selbstbewusstsein schöpfen. © Corporación Proyectarte

Du warst vor Ort und hast die Menschen bei Proyectarte selber kennengelernt. Was hat dich am meisten begeistert?

Ich finde das Konzept des Projektes sehr beeindruckend. Die Betroffenen haben viel negatives erlebt und waren schon früh auf sich allein gestellt. Bei Proyectarte dürfen sie wieder Kinder sein, herumalbern und sich ausprobieren. Als wir zusammen Traumfänger gebastelt haben, hat uns eine junge Frau beispielsweise sehr offen ihre wirklich bewegende, persönliche Geschichte erzählt und sie war gleichzeitig sehr stolz uns erklären zu können, was wir zu tun haben. Es war einfach schön zu sehen, wie sie förmlich „aufgeblüht“ ist.

Was wünscht du dir für die Zukunft des Projekts?

Seitdem Misereor Proyectarte fördert, hat sich die Organisation stetig weiterentwickelt. Mittlerweile sind sie sehr präsent auf ihrer Homepage, auf den sozialen Medien und sensibilisieren die Bevölkerung für die Probleme, mit denen die Jugendlichen zu kämpfen haben. Damit leistet Proyectarte wichtige Aufklärungsarbeit und überbrücken vor allem den Graben zwischen Ex-Kombattant*innen und der „restlichen“ Bevölkerung. Sie sind außerdem gut mit anderen Partnern in Kolumbien vernetzt, aber auch mit Bildungseinrichtungen und Universitäten. Ich wünsche mir einfach, dass das Projekt weiterhin so erfolgreich ist und die Jugendlichen unterstützen kann.


Hintergrund

Seit sechs Jahrzehnten dauert der bewaffnete Konflikt zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linken Guerillagruppierungen und rechten, paramilitärischen Verbänden in Kolumbien an. In den Kämpfen kamen bis heute hunderttausende Menschen ums Leben.

Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Guerilla FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und der kolumbianischen Regierung 2016 waren die Hoffnungen auf ein Ende des Konflikts und eine Verbesserung der Menschenrechtslage groß. Die Umsetzung lief jedoch nur langsam an, bis sie gewissermaßen zum Erliegen kam. Zunächst sank die Gewalt auf ein Rekordtief, doch die Zahl der Morde an Menschenrechtsverteidiger*innen stiegen gleichzeitig massiv an. Die ohnehin schwache Präsenz des Staates ist durch die Quarantänemaßnahmen der COVID-19-Pandemie weiter zurückgegangen, sodass sich die bewaffneten Gruppen ungehindert ausbreiten konnten. Dadurch nahm auch die Rekrutierung Minderjähriger wieder zu. Seit Juni 2022 ist der neue linke Präsident Gustavo Petro im Amt und mit ihm die Hoffnung groß, dass die Friedensentwicklung eine positive Wendung nimmt. Ein erster Schritt sind die Gespräche mit der ELN (Ejército de Liberación Nacional), der zweitgrößten Guerilla Kolumbiens, die Petro initiiert hat.

Hinweis:
Wir empfehlen den aktuellen Misereor-Blog zu Kolumbien: Zeitenwende in Kolumbien?


Mein Lieblingsprojekt

Mein Lieblingsprojekt: Hände machen ein Herz

In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ stellen MISEREOR-Mitarbeitende regelmäßig Projekte vor, die ihnen besonders am Herzen liegen und geben so Menschen aus dem Süden ein Gesicht.

Geschrieben von: und

Ansprechtpartnerin

Jana Echterhoff ist Länderreferentin für Lateinamerika bei Misereor.

Praktikantin in der Kommunikationsabteilung von Misereor.

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