Suche
Suche Menü

„Der ideale Weg, um die Armut zu lindern“ – Interview mit der Fair-Trade-Vertreterin Meera Bhattarai

Wie sieht Fair Trade aus der Sicht unserer Partnerorganisationen im Globalen Süden aus? Was konnte der Faire Handel in Nepal alles bewegen? Wie profitieren die Arbeiterinnen und Arbeiter vom Fairen Handel? Meera Bhattarai erzählt von der Organisation Association for Craft Producers, einem Verband für Kunsthandwerksproduzierende in Nepal. Sie ist deren Exekutivdirektorin und war schon bei ihrer Gründung federführend mit dabei. Die Association for Craft Producers (ACP) ist eine lokale, nicht-gewinnorientierte Fair-Trade-Organisation, die Design-, Markt-, Management- und technische Dienstleistungen für hauptsächlich weibliche Kunsthandwerksproduzentinnen aus einkommensschwachen Familien anbietet.

Meera Bhattarai, ACP-Gründerin in Nepal
Die ACP-Gründerin Meera Bhattarai präsentiert die Fair-Trade-Produkte ihrer nicht-gewinnorientierten Association for Craft Producers. © Ursula Dornberger-Düren

Warum richtet sich ACP vor allem an Frauen?

Meera Bhattarai: Handwerkliche Produzent*innen in Nepal kommen oft aus wirtschaftlich und sozial benachteiligten Verhältnissen. Frauen sind dabei noch einmal mehr benachteiligt: Sie haben in ihren Familien kein Mitspracherecht, was viel damit zu tun hat, dass sie nicht zum Familieneinkommen beitragen. Bei ACP finden genau diese Frauen Arbeit und bekommen faire Löhne gezahlt. So können sie den Unterhalt ihrer Familien teilweise oder sogar vollständig finanzieren. Bei ACP können wir auch Mädchen weiterbilden, die diese Möglichkeit insbesondere in einkommensschwachen Familien oft nicht erhalten, da sie als das „Eigentum von jemand anderem“ gesehen werden.

Logo 50 Jahre Fairer Handel
50 Jahre Fairer Handel: Hintergrundinformationen, Materialien und Aktionen zum Jubiläum finden Sie auch auf unserer Themenseite zum Fairen Handel.

Obwohl viele Frauen auch schon vor der Gründung von ACP grundlegende Fähigkeiten im Bereich Kunsthandwerk besaßen, wurden ihre Fähigkeiten und Produkte weder angemessen anerkannt, noch erhielten sie Unterstützung in irgendeiner Form. Sie wussten beispielsweise weitgehend nichts über die Qualität der Rohstoffe oder Marketing. Außerdem fehlte es ihnen oft an Kapital für ihre Arbeit. Es bestand und besteht also die dringende Notwendigkeit, die Frauen zu fördern und sozioökonomisch zu stärken.

ACP besteht schon seit 1984. War der Faire Handel damals in Nepal schon bekannt?

Meera Bhattarai: Ja! Wir haben damals mit 38 Produzenten und 5 Vollzeitmitarbeitern begonnen. Heute arbeitet ACP mit 50 internen und 800 externen Produzenten zusammen und bietet insgesamt 900 Haushalten Arbeitsplätze, von denen etwa 4.500 Personen profitieren. Fairer Handel war in den 1980er Jahren keine komplett neue Idee in Nepal. Es gab schon einige Organisationen, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der unterprivilegierten Handwerkerinnen einsetzten.

Im Fairen Handel diskriminieren wir nicht aufgrund von Kaste, Glauben, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, besonderen Fähigkeiten, politischer Zugehörigkeit oder den Einflüssen von bzw. der Verbindung zu Gewerkschaften.

Meera Bhattarai

Der Begriff Fair Trade war damals aber noch nicht etabliert. Mitte der 1980er Jahre entstanden immer mehr entwicklungsorientierte Organisationen, die sich auf Kunsthandwerk spezialisierten. Anfang der 1990er Jahre gab es dann bemerkenswerte Erfolge bei der Entwicklung des Fairen Handels als Konzept. 1993 schlossen wir uns mit sechs weiteren Organisationen zusammen und gründeten die Fair Trade Group Nepal (FTGN), um die Entwicklung zu fördern und die Regierung im Bereich der Kleinindustrie zu unterstützen. Das Bemerkenswerte an diesem Bündnis ist, dass alle Organisationen bei der Nutzung von Ressourcen, der Produktion und dem Versand zusammenarbeiten, aber gleichzeitig Konkurrenten sind, die ihre eigenen Geschäftsgeheimnisse schützen.

Welche Vorteile und Möglichkeiten bietet der Faire Handel, und wie zeigt sich das in der Arbeit von ACP?

Meera Bhattarai: Die Fair-Trade-Bewegung begann mit der Vision, sich um die Verbesserung des Lebens marginalisierter Produzenten zu kümmern. Ziel war es, sicherzustellen, dass die Handwerker einen fairen Lohn, ein gutes Arbeitsumfeld, technischen Input und Marktzugang erhielten. Im Fairen Handel diskriminieren wir nicht aufgrund von Kaste, Glauben, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, besonderen Fähigkeiten, politischer Zugehörigkeit oder den Einflüssen von bzw. der Verbindung zu Gewerkschaften.

Frau sitzt an Nähmaschine
Eine Kunsthandwerkerin von ACP Nepal, das bereits seit 1984 besteht.
© Ursula Dornberger-Düren

Zunächst einmal wurde ACP als eine Organisation gegründet, die zwar auch Geschäftsinteressen hat, aber auch die Belange der Produzenten fördert. Grundlegendes Ziel von ACP ist es, den gesamten Zyklus von Dienstleistungen – Lieferung von Rohstoffen, Preisgestaltung, Design, Technik, Management, Qualitätskontrolle und Vermarktung – für einkommensschwache Handwerksproduzenten, vor allem Frauen, bereitzustellen. Das wiederum führt zu regelmäßigen, angemessenen Löhnen, um das Familieneinkommen zu ergänzen und den allgemeinen Lebensstandard zu verbessern. Neben der Verbesserung der Fähigkeiten und der Bezahlung von Handwerker*innen bieten wir eine breite Palette von Leistungen und Diensten zur Stärkung unserer Arbeiter*innen. In erster Linie ermöglichen wir ihnen Sparprogramme, Beratungsdienste, Kleidung und Zuschüsse für (medizinische) Notfälle. Da wir Bildung als ein Grundbedürfnis betrachten, gewähren wir den Kindern unserer Kunsthandwerker*innen eine Ausbildungsbeihilfe und bieten ihnen informelle Bildung an. Außerdem unterstützen wir unsere Handwerkerinnen und Handwerker durch bezahlten Mutterschafts- bzw. Vaterschaftsurlaub und Versicherungen. Wir organisieren für sie auch verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten, Gesundheitsworkshops, Gesprächsprogramme und Entspannungssitzungen.

Wie wirkt sich das auf das Leben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus?

Meera Bhattarai: Wir sind stolz auf die Veränderungen, die wir im Leben unserer Handwerker*innen bewirken konnten. Durch ihre Arbeit können unsere Produzent*innen einen wichtigen Beitrag zum Haushaltseinkommen erwirtschaften oder dieses sogar komplett aufbringen. Das hat wiederum Veränderung in ihrem Leben bewirkt. Insbesondere die Frauen haben mehr Selbstvertrauen gewonnen und konnten sich so bei anderen Familienmitgliedern, vor allem bei ihren Ehemännern und Schwiegereltern, mehr Respekt verschaffen. Die Mehrheit der Frauen kann mittlerweile über ihr Einkommen mitbestimmen oder sogar ganz darüber verfügen. Dies ist ein klarer Hinweis auf die Stärkung der Frauen in der patriarchalischen Gesellschaftsordnung Nepals.

Und hat das auch Auswirkungen auf andere Unternehmen in Nepal?

Meera Bhattarai: Aufgrund des gesunden Arbeitsumfeldes, des Tariflohns und der zusätzlichen Leistungen machen die Produzent*innen, die einmal ACP beigetreten sind, in aller Regel keine Anstalten, unsere Organisation zu verlassen. Und wenn sie doch von anderen Unternehmen gebeten werden, für diese zu arbeiten, können sie auf ihre Erfahrungen und die Leistungen von ACP verweisen. Dadurch wurden schon einige andere Organisationen dazu gebracht, ähnliche Einrichtungen zum Wohle der Handwerker*innen einzuführen.

Um weiterhin gute Qualität zu gewährleisten, hat die World Fair Trade Organisation (WFTO) das Garantiesystem (GS) eingeführt. Organisationen, die GS-anerkannt sind, dürfen das WFTO-Label auf ihren Produkten verwenden. Diese Errungenschaft ist ein Meilenstein in der Geschichte des Fairen Handels.

Meera Bhattarai

Die ACP hat eine bedeutende Rolle bei der Erhaltung des traditionellen Handwerks und der Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für eine große Anzahl nicht- und halbqualifizierter Frauen mit niedrigem Einkommen. Außerdem hat ACP auch andere Unternehmer ermutigt, ähnliche Anstrengungen zu unternehmen. Vor zwanzig Jahren hatten wir das einzige Geschäft, das zu 100 Prozent nepalesisches Kunsthandwerk in Nepal verkaufte. Heute haben viele private Unternehmen und NROs, inspiriert von uns, den von der ACP gezeigten Weg eingeschlagen, und die Zahl solcher Geschäfte wächst in der Region stetig.

Was muss im Fairen Handel Ihrer Meinung nach noch verbessert werden?

Meera Bhattarai: Ich denke, Fairer Handel ist der ideale Weg, die in unserem Land grassierende Armut zu lindern. Aber der Begriff „Fairer Handel“ wird inzwischen sehr flexibel verwendet. Um weiterhin gute Qualität zu gewährleisten, hat die World Fair Trade Organisation (WFTO) das Garantiesystem (GS) eingeführt. Organisationen, die GS-anerkannt sind, dürfen das WFTO-Label auf ihren Produkten verwenden. Diese Errungenschaft ist ein Meilenstein in der Geschichte des Fairen Handels. In der Praxis jedoch sollte dieses Überprüfungs- und Bewertungssystem auf nationaler und globaler Ebene besser umgesetzt werden. Ich glaube, wir müssen wirklich nachdrücklich für den Fairen Handel eintreten. Auf der einen Seite glauben wir, dass das Bewusstsein der Verbraucher im Norden wächst, aber auf der anderen Seite schrumpft unser Geschäft in Nepal. Das ist sehr besorgniserregend. Der Faire Handel muss wachsen. Wir müssen bei der jungen Generation noch ein stärkeres Bewusstsein und eine große Leidenschaft für den Fairen Handel schaffen.

Das Interview führte Johanna Deckers.

Es erscheint in einer Reihe, in der MISEREOR zum 50-jährigen Jubiläum des Fairen Handels in Deutschland die Entstehung und Entwicklung beleuchtet. Dazu hat MISEREOR mit verschiedenen Akteuren gesprochen, die bei oder in Kooperation mit MISEREOR daran beteiligt waren.


Von Anfang an fair!

Hintergrundinformationen, Materialien und Aktionen zum Jubiläum finden Sie auf unserer Themenseite zum Fairen Handel.


Weitere Interviews zum Jubiläum


Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.