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Zwei Jahre nach Brumadinho: die Bergbau-Verbrechen gehen weiter

Vor zwei Jahren brach nahe der Kleinstadt Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien der Staudamm I der Mina Córrego do Feijão. Das sozial-ökologische Verbrechen in der Eisenerzmine des Bergbaukonzerns Vale S.A. sorgte landesweit und international für Schlagzeilen: In den Schlammmassen starben 272 Menschen. Zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm flossen in das Flussbett des Rio Paraopeba. Die Folgen für das lokale Ökosystem und die Lebensqualität der Menschen in den anliegenden Gemeinden sind verheerend.

Brumadinho Staudammbruch 2019 Gedenken
Der Sekretär des Dikasteriums für ganzheitliche Entwicklung beim Vatikan, Monsignore Bruno Marie Duffé (Bildmitte, knieend), gedenkt im Mai 2019 gemeinsam mit dem Erzbischof von Belo Horizonte, Dom Vicente de Paula Ferreira (rechts), sowie Angehörigen und Kirchenvertretern der Opfer von Brumadinho. © Francielle Oliveira / Caritas

Größte Bergbau-Katastrophe Brasiliens

Was in Brumadinho am 25. Januar 2019 geschah, ist leider eine weitere traurige Episode in der dreihundertjährigen Geschichte des Bergbaus im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Nur drei Jahre zuvor war ein Staudamm in der Gemeinde Mariana gebrochen. Diesmal von der Samarco Mineração S.A., einem Joint Venture der britisch-australischen BHP, mit der brasilianischen Vale S.A. Noch vor den Dammbrüchen in Mariana und Brumadinho waren in Minas Gerais bereits sechs andere Rückhaltebecken eingestürzt. Bei dem Unglück in Mariana am 5. November 2015 traten 62 Millionen Kubikmeter Minenschlamm aus: die größte sozial-ökologische Katastrophe in der Geschichte des brasilianischen Bergbaus. Ihre Schlammlawine begrub zwei Ortschaften der Gemeinde Mariana unter sich, 19 Menschen starben. Von den sozial-ökologischen und wirtschaftlichen Schäden entlang des gesamten Flussbettes am Rio Doce waren über 40 Gemeinden besonders schwer betroffen.

Bergbauunternehmen mit eigenen Spielregeln

Das Verbrechen in Brumadinho zeigt das Versagen des Staates und der Bergbauunternehmen. Sie haben keinerlei Maßnahmen ergriffen, damit sich Ereignisse wie das in Mariana nicht wiederholen. Im Gegenteil, es gibt noch immer keinen strikten Regulierungs- und Kontrollrahmen hinsichtlich des verantwortungslosen und plündernden Bergbaumodells, bei dem die Unternehmen die Spielregeln selbst diktieren.

Brumadinho Gedenken 2020
Gedenken an die Opfer von Brumadinho am 25. Januar 2020, dem ersten Jahrestag der Katastrophe. © Francielle Oliveira / Caritas MG

Misstrauen und Angst Betroffener

Die unzähligen Zwangsevakuierungen von Gemeinden, die für eine Umsetzung von Notfallplänen der Bergbaugesellschaften betrieben wurden, sind drastische Beispiele dafür: Itatiaiuçu, Macacos / Nova Lima, Antônio Pereira / Ouro Preto und Barão de Cocais – nur einige der Gebiete, in denen Familien wegen instabiler Staudämme aus ihren Häusern vertrieben wurden. Fehlende Transparenz und fehlende unabhängige Informationen zur Konstruktion der Dämme schüren zudem das Misstrauen und die Angst der Menschen, die Bergbauunternehmen würden mit Tricks versuchen, neue Abbaugebiete hinzuzugewinnen. Schließlich sind die Unternehmen in Brasilien selbst für die Beauftragung von Umweltverträglichkeitsstudien und für die Überwachung der Staudämme zuständig, ohne dass staatliche Stellen die Belastbarkeit der gelieferten Daten überprüfen können.

Schmerzvolle Entschädigungsverfahren

In allen Fällen sind die Entschädigungsverfahren langwierig, schmerzvoll und werden stark von den schadenverursachenden Unternehmen kontrolliert: Die von Aufsichtsorganen verhängten Bußgelder werden auf administrativer und gerichtlicher Ebene immer wieder bestritten, während die Entschädigungen für Familien in der Regel von den Unternehmen selbst bestimmt werden, entweder werden sie auf lächerliche Beträge festgesetzt oder es wird in langwierigen Gerichtsverfahren um die Festsetzung der Beträge gestritten. Seit über fünf Jahren warten die durch das Verbrechen in Mariana vertriebenen Familien auf den Wiederaufbau ihrer Häuser und Dörfer. Entlang des Rio Doce fordern die betroffenen Gemeinden unabhängige fachliche Beratung, um die von den Bergbauunternehmen vorgelegten Informationen übersetzen und prüfen zu können.

Fehlendes Trinkwasser und Umweltzerstörung

In Brumadinho warten 11 Familien noch immer darauf, dass die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen gefunden werden; ganze Gemeinden leiden unter der fehlenden Trinkwasserversorgung und Umweltverschmutzung. Gleichzeitig sind die Betroffenen von den Verhandlungen über ein Entschädigungsabkommen zwischen der bundesstaatlichen Regierung, den Justizbehörden und dem Bergbaukonzern Vale S.A. ausgeschlossen. Hinzu kommt, dass verantwortliche Unternehmen die drastische Verschlechterung der Lebensqualität und sogenannte Nichtvermögensschäden an den vom „Staudammterror“ betroffenen Orten nicht anerkennen.

Brumadinho Gedenken 2020
Gedenken an die Opfer von Brumadinho am 25. Januar 2020, dem ersten Jahrestag der Katastrophe. © Francielle Oliveira / Caritas

Erneut Todesopfer

Es mutet an wie Hohn: das Jahr 2020 endet mit einem Anstieg der Rohstoffpreise, einem Wertzuwachs der Vale-Aktien um 71 % und der Auszahlung einer Dividende an die Investoren – ohne dass die betroffenen Gemeinden bislang gerecht entschädigt worden wären. Auch konnte der Betreiber Samarco seine Mine wieder öffnen. Bei den gefährlichen Tätigkeiten starb im Dezember 2020 ein weiterer Vale-Arbeiter in der Mine Córrego do Feijão durch einen einstürzenden Hang – unweit der Stelle des Dammbruchs.

Lebensbedingungen zukünftiger Generationen

Am zweiten Jahrestag des Verbrechens von Brumadinho gedenken wir der Opfer des Bergbaus und erinnern daran, dass das derzeitige Raubmodell Territorien verwüstet, die Souveränität der Gemeinden verletzt und die Lebensbedingungen heutiger und zukünftiger Generationen zerstört.

Über die Autorin

Letícia Soares Peixoto Aleixo arbeitet im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais für das Netzwerk Rede Igrejas e Mineração („Kirchen und Minenarbeit“).


Weitere Informationen

In einem Pakt der Betroffenen (Pacto dos Atingidos) prangern Partnerorganisationen von MISEREOR gemeinsam mit den Betroffenen vor Ort das Verbrechen an, dem 272 Menschen zum Opfer fielen. Ebenso macht das Dokument (das auf Englisch, Spanisch und Portugiesisch vorliegt) die Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden, die sich im Flussbecken des Flusses Paraopeba ereigneten, öffentlich. Der Pakt formuliert zudem die Vorstellungen und Visionen der Betroffenen, wie ein Wiederaufbau der Region aussehen sollte. Auf der einen Seite verdeutlicht der Pakt den Traum der Gemeinden vor Ort, sich von dem räuberischen Modell des Bergbaus zu befreien. Auf der anderen Seite ist er den Prinzipien der integralen Ökologie verschrieben, die das Leben über Profite stellt. Den mehrsprachigen Pakt der Betroffenen finden Sie hier.

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Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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