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Tourismus: Fluch oder Segen für ärmere Länder?

Wo stehen wir und wohin muss die Reise gehen, wenn Tourismus zur nachhaltigen Entwicklung von Destinationsländern beitragen soll? Dieser Frage stellten sich am Freitag mehr als 100 Unternehmer aus Wirtschaft und Gesellschaft bei der Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums in Bonn.

Fast im 10-Minuten-Takt fliegen heutzutage Propellermaschinen das asiatische Himalaya-Gebirge an, das Reinhold Messner noch vor wenigen Jahrzehnten ganz allein bestiegen hat. Es gibt zahllose Angebote, Bergriesen wie den Mount Everest, den K2 oder den Kilimandscharo in Afrika zu besteigen. Und die Sehnsucht nach dem Besonderen, nach der exotischen Ferne wächst: Laut der World Tourism Organisation (UNWTO) werden im Jahr 2030 rund 1,8 Milliarden Menschen die Welt als Touristen bereisen.

Pirmin Spiegel, MISEREOR-Hauptgeschäftsführer. Fotos: Jörg Loeffke/ MISEREOR.

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer bei Misereor: „Heute bereisen rund 56 Millionen Touristen Afrika jährlich, die Branche macht mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Zugleich fließt ein Großteil der Einnahmen in die Hände einiger weniger“, so Spiegel.  Was macht also guten, was schlechten Tourismus aus? „Entscheidend ist, dass Tourismus einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung einer ganzen Gesellschaft leistet, dass er zum Wohlstand aller und zum sozialen Frieden beiträgt. Dazu gehört eine angemessen Bezahlung ebenso wie angemessene Arbeitsbedingungen“, so Spiegel. Fragen und Ansätze für den Tag lieferte er den anwesenden Touristik-Unternehmern gleich mit: „Warum nicht Nahrungsmittel von Kleinbauern oder der Genossenschaften vor Ort einkaufen?“ Nachhaltig geregelt werden müsse zudem: Woher kommt das oftmals knappe Wasser für die Touristen, behalten Fischer ihre Gründe oder müssen sie Hotelanlagen weichen? Gerade darin liege der soziale Sprengstoff.

Stefanie Berk, Vorsitzende der Geschäftsführung Thomas Cook Touristik GmbH.

Stefanie Berk, Vorsitzende der Geschäftsführung von Thomas Cook Touristik, betonte: „Wir sind insbesondere Ländern wie Kenia, Sri Lanka, Ägypten oder der Türkei verpflichtet, auch in ’schlechten Zeiten‘ zu bleiben. Eine große Anzahl von Menschen dort lebt vom Tourismus – sie alle leiden darunter, wenn er plötzlich wegbricht.“ Tourismus sei Jobmotor und Perspektivenbringer, aber auch Bildungs-Garant: „Tourismus lässt den Alphabetisierungsgrad eines Landes nachweislich steigen, er bildet den Reisenden selbst und fördert seine Toleranz.“ Um nicht weiter zu zerstören, was die Touristen liebten, müsse die Brache jedoch nachhaltiger und ganzheitlicher planen und häufiger den Schulterschluss mit anderen Unternehmen, der Politik und lokalen Initiativen suchen.

Kai Pardon, Inhaber REISEN MIT SINNEN.

Nachholbedarf in Sachen Nachhaltigkeit von Reisen sah auch Kai Pardon, Gründer und Geschäftsführer des Reiseveranstalters ‚Reisen mit Sinnen‚: „Nachhaltigkeit ist eine entscheidende Qualitätssäule, die ‚Chefsache‘ sein muss. Für den Touristen selbst stehen immer noch Komfort, Sonne, Preis-Leistung oder Sicherheit im Vordergrund“, so Pardon. Am Beispiel des Roundtable for Human Rights in Tourism, der sich für die Wahrung der Menschenrechte im Tourismus einsetzt oder des Climate Track in Nepal, der Bewohnern von abgelegenen Dörfern durch gezielte Tourismus-Projekte neue Lebensperspektiven bietet, machte er deutlich: „Reisen hat auch mit meinen Werten als Unternehmer zu tun. Wir selbst können und müssen Initialzündung für derartige Initiativen sein. All-inclusive-Konzepte können den Tourismus nicht verändern.“

Moderatorin Gisela Steinhauer mit Prof. Dr. Harald Zeiss, Hochschule Harz.

Harald Zeiss, Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Harz, wurde noch deutlicher: „Tourismus ist nur dann zukunftsfähig, wenn wir endlich erkennen, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Dass es so, wie wir unsere Erde derzeit belasten, nicht mehr lange gut geht.“ Dazu gehöre, dass Reiseländer den Tourismus selbst strikter managten mit Blick auf die Frage, wie stark sie sich dem Tourismus öffneten und wo sie Mensch und Umwelt stärker schützten,  die Anbieter ihren Treibstoffverbrauch in Luft- und Schifffahrt weiter deutlich senkten und Touristen selbst das eigene Reise-Verhalten hinterfragten. „Ist es wirklich sinnvoll, Katastrophen-Tourismus nach Tschernobyl zu betreiben, in der Wüste Golf zu spielen oder muss es sein, in den Weltraum zu reisen?“, so Zeiss.

Valerio Paucarmayta Tacuri, Direktor des „Centro Bartolomé de Las Casas“ in Cuzco, mit einer Broschüre zum Thema nachhaltiges Reisen in Peru.

„Letztlich geht es darum, den Blick für die Menschen zu öffnen, denen man begegnet. Sie nicht als Foto-Objekte zu betrachten, sondern als Gastgeber, die stolz auf ihre Geschichte und ihre Kultur sind, die unter würdigen Arbeitsbedingungen angestellt werden wollen und die ihre Umwelt so gut kennen, dass sie selbst Strategien beispielsweise zur effektivsten Wasserversorgung liefern können“, resümierte Valerio Paucarmayta Tacuri, Direktor des Zentrums für regionale andine Studien CBP in Peru bei der Tagung.


Erfahren Sie mehr über das MISEREOR-Unternehmerforum…

Mit der Gründung des Unternehmer-Forums im Dezember 2011 eröffnete sich für MISEREOR die Gelegenheit, den Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft zu führen. Im MISEREOR-Unternehmerforum kann die Herausforderung einer Wirtschaft für den Menschen gemeinsam reflektiert und vor dem Hintergrund der verschiedenen Kernkompetenzen der Teilnehmer und MISEREORs konkretisiert werden. Das Unternehmerforum bietet für MISEREOR unter Wahrung seines Gründungsauftrages, „den Mächtigen ins Gewissen zu reden“, neue Dialogchancen.

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Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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