Der Schuldenreport 2026 zeigt: Viele Länder des Globalen Südens sind hoch verschuldet. Doch Schulden sind kein abstraktes Finanzthema – hinter den Zahlen stehen konkrete Lebensrealitäten. Wenn Staaten einen großen Teil ihrer Einnahmen für den Schuldendienst aufwenden müssen, sind Millionen Menschen betroffen – besonders die Ärmsten im Globalen Süden. Die Misereor-Partner*innen Michel Constantin von CNEWA Mission im Libanon, Claudia Handal von der Partnerorganisation FUNDASAL in El Salvador sowie Pamela Avusi von PNGEA in Papua-Neuguinea berichten, was es für die Menschen bedeutet, wenn Staaten finanziell kaum noch handlungsfähig sind.
Wie Agroforst in Süd‑Sumatra neue Perspektiven schafft
Intensiver Kaffeeanbau auf ausgelaugten Böden, sinkende Erträge und die schleichende Zerstörung eines Nationalparks: In Süd‑Sumatra schien dieser Weg lange wie vorgezeichnet. Doch ein Projekt der Hans R. Neumann Stiftung zeigt, dass es auch anders geht. Ein Besuch bei Bäuerinnen und Bauern, die mit Agroforst neue Perspektiven für Einkommen und Natur schaffen.
Die Ergebnisse nach knapp zwei Jahren Agroforst sind beeindruckend: Die Bauern ernten deutlich mehr Kaffee von besserer Qualität und verfügen über mehr Produkte für den Verkauf. (Foto: Wolter / Misereor)
Auf meiner Dienstreise in Indonesien war ich auch in Süd‑Sumatra, im Westen des Landes. Die Region ist nicht nur bekannt für ihren Kaffeeanbau, sondern zugleich für den Bukit Barisan Selatan. Ein riesiger Nationalpark, eine Art Hotspot der Artenvielfalt, in dem noch Tiger, Elefanten und Nashörner leben. Die Landschaft ist genau so, wie man sich die feuchten Tropen vorstellt: hügelig, dicht bewachsen, intensiv grün – atemberaubend schön.
Wenn intensive Landwirtschaft an ihre Grenzen stößt
Vor rund 30 Jahren begannen Bäuerinnen und Bauern hier mit dem Kaffeeanbau. Der Kaffee wurde zunächst intensiv bewirtschaftet – mit hohem Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger. Das ging auch einige Jahre gut, das System funktionierte, doch nach und nach wurden die Böden unfruchtbar. Selbst hohe Düngergaben reichten nicht mehr aus, um stabile Erträge zu erzielen. Die Ernten gingen weiter zurück. Aus Mangel an Alternativen taten viele Bauern das für sie Naheliegendste: Sie gingen in den angrenzenden Nationalpark, rodeten ihn und bauten dort weiter Kaffee an, um die immer schwächeren Erträge auszugleichen – mit gravierenden Folgen für Mensch und Natur. Genau hier setzt das Projektteam um Patrick Diaz von der Hanns R. Neumann Stiftung an. Deren zentrale Frage lautet: Wie kann man Bauern überzeugen, auf ihrem Land anders zu wirtschaften? Ein entscheidender Faktor ist der hohe Veränderungsdruck, der vor allem auf sinkende Erträge und steigende Kosten zurückzuführen ist. Und eine Umstellung zum Gebot der Stunde macht.
Landwirtschaft als Business denken
Der Ansatz der Stiftung beginnt beim Einkommen der Landwirte. Die Bauern arbeiten hart auf ihren Feldern, doch ihre Betriebe sind kaum profitabel. Das Projektteam ermutigt sie, ihre Landwirtschaft als wirtschaftliches Unternehmen zu begreifen – als Business, in das es sich zu investieren lohnt. Finanzielle Grundbildung ist wesentlicher Bestandteil ihres Ansatzes. Ein wichtiger Baustein, gerade weil etwa 90 Prozent der Bauern über geringe oder gar keine Lese- und Schreibkompetenzen verfügen. Ihnen wird einfache Finanzkompetenz vermittelt: Wie hoch sind meine Ausgaben? Wie viel nehme ich ein? Wie viel ernte ich? Viele wussten das zuvor nicht genau, hatten aber am Ende des Tages immer höhere Ausgaben und immer weniger Verdienst.
Von der Monokultur zum Agroforst-System: Ziel ist es, die Ausgaben zu senken, Kaffeeerträge zu steigern und zusätzliche Kulturen für den Verkauf oder den Eigenbedarf anzubauen. (Foto: Wolter / Misereor)
Der Weg zum Agroforst-System
Die Alternative, die den Bauern aufgezeigt wird, ist der Weg von der Monokultur zu einem diversifizierten Agroforst-System. Ziel ist es, die Ausgaben zu senken, die Kaffeeerträge zu steigern und zusätzliche Kulturen für den Verkauf oder den Eigenbedarf anzubauen. Der Einstieg erfolgt behutsam: Zunächst testen die Bäuerinnen und Bauern das neue System auf einem Viertel ihrer Fläche aus. Schritt für Schritt wird es dann ausgeweitet. Unterstützung erhalten sie von speziell geschulten Key Farmers – „Demobauern“, bei denen man sich abschauen kann, wie das System in der Praxis funktioniert.
Vier Schichten für mehr Vielfalt und Ertrag
Die Agroforstwirtschaft hat klare Vorzüge und ermöglicht den Bäuerinnen und Bauern, sich mit einer ausreichenden Ernte auf ihrem Stück Land gut versorgen zu können. In der praktischen Umsetzung ist das Agroforst-System klar strukturiert und besteht aus vier Höhenstufen oder Schichten:
bis zu einem Meter: Chili, Ingwer oder Kurkuma
ein bis drei Meter: Kaffee im Zentrum, ergänzt durch Kakao und Pfeffer
vier bis zehn Meter: Bananen, Avocado oder Betelnuss und schließlich die
oberste Schicht: Durian, Kokosnuss oder Zuckerpalme.
Insgesamt können die Bauern aus bis zu 40 Baumarten wählen. In den ersten vier Jahren, solange die Kaffeesträucher noch klein sind, wird zusätzlich Gemüse angebaut, etwa Bohnen, Gurken, Karotten oder Kürbis. Der Erfolg nach knapp zwei Jahren ist beeindruckend. Die Bauern haben die Angebote gut angenommen und umgesetzt, ernten deutlich mehr Kaffee, mit besserer Qualität und haben deutlich mehr zum Verkaufen oder für ihre Familien.
In der Umsetzung ist das Agroforst-System klar strukturiert und besteht aus vier Höhenstufen oder Schichten. (Foto: Wolter / Misereor)
Spürbare Erfolge nach kurzer Zeit
Die Ergebnisse nach knapp zwei Jahren sind beeindruckend: Die Bauern haben das Angebot gut angenommen, sie ernten deutlich mehr Kaffee von besserer Qualität und verfügen über mehr Produkte für den Verkauf oder den Verbrauch durch die eigene Familie. Damit sind sie nicht mehr versucht, in den Nationalpark zu gehen, um weitere Flächen zu roden, sondern können sich bei ausreichender Ernte auf ihrem Stück Land gut versorgen und haben ausreichend – und sogar deutlich höheres – Einkommen als noch zu Zeiten der Monokultur.
Ein überzeugendes Modell der Entwicklungszusammenarbeit
Mich hat dieser Ansatz sehr beeindruckt, sowohl von der Herangehensweise wie man den Bäuerinnen und Bauern fachlich begegnet als auch in der konkreten Zusammenarbeit mit ihnen. Das Agroforstsystem ist einfach gehalten, klar strukturiert und gut umsetzbar. Niemand wird gezwungen, sogleich und vollständig auf Pestizide oder Kunstdünger zu verzichten. Doch die Demo-Betriebe machen vor, wie deren Einsatz reduziert werden kann.
Inspiriert und begeistert reise ich von Süd-Sumatra zu meiner nächsten Station auf Java und habe gesehen – so kann sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit aussehen. Mehr davon!
Die Lage im Libanon spitzt sich durch die Angriffe der Hisbollah und Gegenschläge der israelischen Armee immer weiter zu. Längst hat sich hier eine eigene, gefährliche Dynamik entwickelt, die das gesamte Land zu destabilisieren droht. Wie sich diese schleichende Eskalation konkret anfühlt, erlebt man derzeit in den Straßen von Beirut.
In Beirut gestrandete Familien aus dem Südlibanon (Foto: Frank Wiegandt) Read more
Am 25. Januar 2019 kollabierte der Rückhaltedamm einer Eisenerzmine im brasilianischen Brumadinho. Rund 13.000 Tonnen schwermetallhaltiger Schlamm wälzten sich durch das Tal und zerstörten ganze Ansiedlungen, Infrastruktur und Felder – und die Träume ganzer Familien. 272 Menschen verloren ihr Leben. Erst im Januar 2026 wurde die Suche nach menschlichen Überresten eingestellt. Zwei Opfer bleiben für immer verschwunden.
Alles deutet darauf hin, dass es sich in Brumadinho nicht um einen Unfall, sondern um ein kalkuliertes Risiko handelte – und damit um ein menschengemachtes Verbrechen. (Foto: Picture Alliance)Read more
Die Misereor-Fastenaktion 2026 richtet unter dem Leitwort „Hier fängt Zukunft an“ den Blick auf junge Menschen weltweit, denen Chancen auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben vorenthalten werden. Und auf diejenigen, die mutig vorangehen und andere mitreißen. Eröffnet wurde die Fastenaktion am 22. Februar mit einem feierlichen ARD-Gottesdienst in Hofheim am Taunus.
„Hier fängt Zukunft an“: die Misereor-Fastenaktion 2026 richtet unter diesem Leitwort den Blick auf Lebensperspektiven junger Menschen – in Kamerun und weltweit. (Foto: Oppitz/KNA)Read more
In Timor-Leste ist der Zugang zu Wasser eine tägliche Herausforderung. Die Misereor-Partnerorganisation Permatil zeigt, wie mit traditionellem Wissen und einem ganzheitlichen Ansatz die Sprache der Natur entschlüsselt und Wasserquellen wiederbelebt werden können. Das Ziel: ein besseres Leben für die Menschen und ganz konkret der möglichst ganzjährige Zugang zu Wasser. Das Engagement von Permatil zeigt, dass das „Lesen der Natur“ nicht nur Theorie ist, sondern praktische Lösungen für existenzielle Probleme bietet.