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Rio Tinto unter Druck – Betroffene legen Beschwerde bei Regierung ein

Ende September hat das Human Rights Law Centre (HRLC) in Melbourne im Namen von über 150 Betroffenen bei der australischen Regierung Beschwerde gegen den Bergbau-Multi Rio Tinto eingereicht. In den 1970er und 1980er Jahren hatte das Unternehmen auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Pazifikinsel Bougainville die Kupfer- und Goldmine in Panguna betrieben. In dieser Zeit kam es zu einer Umweltkatastrophe und schweren Menschenrechtsverletzungen durch den Betreiber. Die Menschen vor Ort leiden noch heute unter den Folgen des Minenbetriebs.

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COVID-19-Observatory – Pastoralisten in Äthiopien gefährdet

Mit der Corona-Pandemie hat sich die Ernährungssituation in Subsahara-Afrika deutlich verschlechtert. Über die negativen Auswirkungen – insbesondere für ländliche Haushalte und Bauern in Westafrika – wurde bereits im Rahmen des COVID-19-Observatory berichtet. Zusätzlich bietet nun der Blick auf die Lage in Äthiopien neue Erkenntnisse zum Ausmaß der Pandemie. Dort ist die Lebensgrundlage der Pastoralisten besonders gefährdet.

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Gleiche Rechte für alle – weltweit

Kommentar zur Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft

Von Sandra Lassak und Markus Büker, MISEREOR

Sandra Lassak und Markus Büker arbeiten zu theologischen Grundfragen bei MISEREOR.
Foto: Claudia Fahlbusch

Assisi – symbolischer Ort

Am Sonntag, 4. Oktober 2020, wurde im Vatikan das neue Lehrschreiben von Papst Franziskus veröffentlicht. Am Tag zuvor hat Franziskus es in der mittelitalienischen Kleinstadt Assisi unterzeichnet. Der Ort ist bewusst gewählt und angesichts heutiger Krisen in Gesellschaft und Kirche symbolisch: Der Namensgeber des Papstes, der heilige Franziskus, war im 13. Jahrhundert aus den bestehenden Machtverhältnissen seiner Stadt und Kirche ausgezogen, um eine neue Vision von universaler Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft zu leben. In allen Begegnungen bezeugte er die Würde und Gleichheit aller Menschen, begegnete allen Geschöpfen und der Natur mit Ehrfurcht. Er praktizierte Freundschaft über Religionen hinweg und reiste zum Beispiel zu Sultan Malik-al-Kamil nach Ägypten.

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MISEREOR global: Verbindungsstelle Südsudan

Ganz nah dran – an den Menschen vor Ort. Das ist die Grundidee hinter den Dialog- und Verbindungsstellen von MISEREOR. Diese dienen in Ländern des globalen Südens dazu, die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort zu stärken. Doch wer sind die Gesichter hinter den Verbindungsstellen? Welche Arbeitsschwerpunkte haben sie? In kurzen Selbstporträts stellen wir Menschen vor, die für MISEREOR vor Ort den partnerschaftlichen Dialog pflegen und konkret Hilfestellung leisten, wenn es darauf ankommt. Den Auftakt macht Uwe Bergmeier, der die Dialog- und Verbindungsstelle (DVS) Südsudan leitet.

Dorfgemeinschaftsinitiative in Yambio Südsudan
Das MISEREOR-Team „Südsudan“ Katharina Götte, Referentin für Kenia und Südsudan (links), und DVS-Leiter Uwe Bergmeier (2. v. r.) zu Besuch bei der Dorfgemeinschaftsinitiative von Hummingbird Action for Peace and Development (HAPD) in der Diözese Tombura-Yambio, März 2019. © DVS Südsudan

Mein Werdegang

Ich bin von Beruf Ingenieur-Assistent und studierter Diplom-Politologe. Über viele Jahre habe ich in der Jugend- und Erwachsenenbildung gearbeitet. Mein Schwerpunkt lag dabei auf der historisch-politischen Bildung. Seit etwa 20 Jahren lebe und arbeite ich in Ostafrika, wo ich in verschiedenen entwicklungspolitischen Programmen tätig bin: Zivile Konfliktbearbeitung, EU-Rehabilitationsprogramme, Zivilgesellschaftsförderung und Dezentralisierung sind dabei meine Themen.

Die Verbindungsstelle Südsudan

Die Dialog und Verbindungsstelle (DVS) von MISEREOR im Südsudan leite ich seit Juli 2018. Ich arbeite dabei eng mit der Abteilung Afrika-/Naher Osten in der Geschäftsstelle von MISEREOR in Aachen zusammen. Aus familiären und organisatorischen Gründen ist die DVS Südsudan derzeit (noch) an das Büro der DVS Kenia in Nairobi angebunden. Dort bilden wir sozusagen eine DVS-Bürogemeinschaft. Das heißt, ich arbeite von Nairobi aus und reise regelmäßig in „mein“ Land Südsudan ein. Dort führe ich Partnerbesuche durch, nehme an verschiedenen Netzwerktreffen teil und besuche die zuständige Bischofskonferenz für gemeinsame Abstimmungen. Unser Ziel ist es, mithilfe der Dialog- und Verbindungsstelle die Zusammenarbeit zwischen Partnerorganisationen und MISEREOR zu erleichtern und zielführender zu gestalten. Meine Familie lebt zum Teil noch mit mir in Nairobi oder studiert und arbeitet an verschiedenen Orten der Welt.

Inspektion Frachtboot Diözese Malakal
Frachtboot-Inspektion und -Testfahrt mit Bischof Stephen Nyodho, dem Generalvikar Father Christian Carlassare und der Caritas-Koordinatorin Sister Elena Balatti in Juba im September 2020. Das Boot steht in Diensten der Diözese Malakal. © DVS Südsudan

Schwerpunkte meiner DVS-Arbeit

Im Zentrum der Arbeit steht die Unterstützung der mit MISEREOR zusammenarbeitenden Partnerorganisationen. Von der Antragstellung bis zur Abschlussevaluierung begleiten wir mit der DVS ihre Maßnahmen durch Trainings, Beratung und Vernetzung oder auch durch die genaue Beobachtung von Entwicklungen vor Ort. Daneben gilt es, politische Prozesse zu analysieren, Initiativen anzustoßen und zu ermutigen, aber auch in diversen Gremien und Gruppen MISEREOR als kirchlichen internationalen Partner vorzustellen und zu vertreten. Der Kontakt zu Medienvertretern und die Berichterstattung zurück in die deutsche Öffentlichkeit gehören genauso dazu, denn sie  dienen dem besseren Verständnis der Problemlagen des Landes.

Wenn es manchmal gelingt, hier einen positiven Beitrag zu leisten, der vor Ort angenommen und genutzt wird, dann motiviert es mich, auf diesen Erfahrungen aufbauend an einer anderen Baustelle weiter zu machen.

Uwe Bergmeier, DVS Südsudan

Problemlagen im Südsudan

Im Südsudan lassen sich zahlreiche Problemlagen ausmachen. Dazu zählen Flucht, extreme Armut, Gewalterfahrungen durch Bürgerkrieg über vier Generationen und große Unerfahrenheit mit Verträgen internationaler Partner, z. B. mit MISEREOR. So bin ich als Dialog- und Vernetzungsdienstleister ständig damit beschäftigt, Lösungen zu finden, damit man nicht aus einer Krisensituation gleich wieder in die nächste fällt. Flexibilität, aber auch Realitätssinn dafür, was geht und wie es pragmatisch und einfach anzugehen ist, das sind sehr wichtige Eigenschaften.

Friedenstreffen Fluchtrückkehrer Upper Nile Südsudan
Die DVS Südsudan unterstützt Friedenstreffen für Fluchtrückkehrer wie hier in Upper Nile, dem nördlichsten Bundesstaat im Südsudan. An dem Treffen nahmen auch Sister Elena Balatti (links), Ayul Akwoc Along, ehemaliger Kommissar für Upper Nile (3. von links), und der Priester der St. Joseph’s Gemeinde in Malakal, Father Ernest Adwok (2. von rechts), teil. © DVS Südsudan

Meine Motivation

Während meiner entwicklungspolitischen Tätigkeiten war ich immer in und mit fragilen und konfliktgeprägten Gesellschaften beschäftigt. Ob der bewaffnete Konflikt in Norduganda, Viehhalterkonflikte mit Ackerbauern oder die Nachwahlkrise in Kenia: Es geht immer wieder um Fragen der Einflussnahme, um das Gewaltpotential in bestimmten Regionen zu vermindern, und darum, wie die gesellschaftlichen Gruppen es schaffen, mit diesen Rahmenbedingungen ihr Leben und Überleben zu sichern, vielleicht sogar mehr Lebensqualität zu erfahren. 


Autor

Uwe Bergmeier leitet seit 2018 die Dialog- und Verbindungsstelle Südsudan.

Corona weltweit: Eine Krise der Gleichberechtigung?

MISEREOR besorgt über Häufung von Gewalt an Frauen weltweit

Gewalt gegen Frauen Gewalt gehört weltweit zur traurigen Realität. Während der Corona-Krise hat sich diese Problematik dramatisch verschärft. Ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie wird nun immer deutlicher, wie kritisch die Situation von Millionen Frauen infolge der Einschränkungen ist: Vergewaltigungen, Frühschwangerschaften und Frühehen sind ebenso angestiegen wie die Fälle häuslicher Gewalt oder Feminizide, dem Mord an Frauen aus Frauenhass. Wie ist die Lage aktuell in den MISEREOR-Partnerländern? Was bereitet die größten Sorgen? Wie kann es weitergehen? Wir richten den Blick nach Afrika, Lateinamerika und Asien.

Indien_Bei der Lebensmittelausgabe halten die Frauen aufgrund von Corona Absatnd © Seva Kendra Calcutta_MISEREOR

Geschlechterbasierte Gewalt ist noch immer weit verbreitet – in manchen Ländern mehr, in anderen weniger. Warum jedoch potenziert die Pandemie die bestehenden Probleme wie unter einem Brennglas? Sandra Lassak, Referentin für theologische Grundsatzfragen und Frauen-Expertin bei MISEREOR dazu: „Die Corona-Krise hat vielerorts zu Lockdowns geführt, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Auch die Arbeitslosigkeit stieg vielerorts stark an. Dadurch leben Familien auf engstem Raum zusammen, die Frustration und Angst sind groß. Frauen, die schon länger unter häuslicher Gewalt leiden, sind ihren Aggressoren nun schutzlos ausgeliefert.“ Dass in Stresssituationen die Gewaltbereitschaft gegen Frauen drastisch zunimmt, belegten bereits vor der COVID-19-Pandemie zahlreiche Studien. Zahlen und Berichte von MISEREOR-Partnerorganisationen weltweit stützen die Beobachtung, dass dies auch während der aktuellen Krise zutrifft.

Afrika: Frauengesundheit bereitet große Sorgen

„Besonders besorgniserregend ist die Situation von jungen Mädchen. Seit den Schulschließungen im April 2020 haben wir Tausende Frühehen und Frühschwangerschaften registriert. Diese Entwicklung bereitet uns große Sorgen“, erzählt Mwawi Shaba, Leiter des Diözesanbüros der Justitia et Pax-Kommission in Karonga, Malawi. Von März 2020 bis Juli 2020 wurden in dem südostafrikanischen Land 18.000 Frühschwangerschaften erfasst und mit ihnen auch eine erhöhte Zahl an Abtreibungen bei gleichzeitig schlechterer Gesundheitsversorgung. Dies gilt nicht nur für Malawi: In 64 afrikanischen Ländern mussten laut einer Studie der wissenschaftlichen Aufklärungsplattform „Prevent Epidemics“ mehr als 5.630 Kliniken schließen. Viele Menschen haben außerdem Angst vor einer Ansteckung bei Untersuchungen. Die medizinische Versorgung für Überlebende geschlechterbasierter Gewalt genauso wie für Mütter gestaltet sich deshalb als enorm schwierig und bereitet große Sorgen.

Demonstrationen am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen © Barbara Schirmel – MISEREOR

Lateinamerika: „Überlebende erfahren keine Gerechtigkeit“

Ausgelastete Frauenhäuser, überlastete Hilfstelefone – auch in Lateinamerika spitzt sich die Situation von Frauen und Mädchen zu, berichten MISEREOR-Partner. Die Fälle von Gewalt, oft aus einem männlichen Überlegenheitsgefühl gegenüber Frauen resultierend, häufen sich. „In Mexiko hat die Pandemie ein strukturelles Problem offengelegt, das bislang noch keine Regierung lösen konnte: machistisch motivierte Gewalt. Durch die Krise wurde es nun zusätzlich deutlich verschärft“, sagt Sandy Minier vom Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario (IMDEC). In dem zentralamerikanischen Land seien die Gewaltindikatoren im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, besonders während der Quarantäne. So verzeichnete das Mexikanische Rote Kreuz (Cruz Roja Mexicana) zu dieser Zeit im Bundestaat Jalisco einen Anstieg von 70 Prozent an Fällen von Gewalt gegen Frauen. Ein weitere, große Schwierigkeit, von der Minier ebenso wie Partner in Venezuela oder Peru berichten, ist die Straflosigkeit der Täter: „Die Justiz scheint aktuell wie gelähmt zu sein. Überlebende erfahren keine Gerechtigkeit, sie werden von den zuständigen Behörden zurückgewiesen und müssen mit der Furcht vor ihren Aggressoren weiterleben.“

Asien: Systematische Benachteiligung statt Gleichberechtigung

Corona bedeutet für viele MISEREOR-Partnerorganisationen auch, dass sie ihrer Arbeit nicht mehr wie gewohnt nachgehen können und die Verbindung zu von Gewalt betroffenen Frauen verlieren. Dieses Problem betrift auch viele asiatische Länder, zum Beispiel Indien, berichtet Anna Dirksmeier, Referentin der Asien-Abteilung: „Projektpartnerinnen und -partner mussten den Kontakt mit der Bevölkerung aufgrund der hohen Corona-Fallzahlen drastisch einschränken. Jetzt, wo das öffentliche Leben langsam wiederbeginnt, ist davon auszugehen, dass Misshandlungen eher auffallen und den zuständigen Behörden gemeldet werden.“ In Notsituationen nimmt Gewalt gegen Frauen zu – nach dem Taifun Hayan auf den Philippinen im Jahr 2013 beispielsweise stieg die Zahl der Fälle in den betroffenen Gebieten um 300 Prozent, wie Studien herausfanden.

Während der Corona-Krise droht nun eine ähnliche Entwicklung, erklärt Dirksmeier: „Im April 2020 haben laut dem Centre for Monitoring Indian Economy 122 Millionen Inder ihre Arbeit verloren, erst etwas mehr als die Hälfte davon konnte seitdem wieder eine Beschäftigung aufnehmen. Die Menschen haben Zukunftsängste, viele Männer tragen ihren Frust auf dem Rücken der Frauen aus, da sie in der Hierarchie oftmals immer noch über ihnen stehen.“ Bereits jetzt gibt es deutliche Hinweise darauf, dass geschlechterbasierte Gewalt um ein Vielfaches zugenommen hat, ebenso wie die systematische Benachteiligung von Frauen und der Rückfall in patriarchale Strukturen.

Frau mit Kindern – während Corona erleben Frauen starke Benachteiligung und Gewalt © Brigitte Mandelartz

Optimismus in Zeiten der Krise

Corona ist auch eine Krise der Gleichberechtigung – gibt es dennoch Grund für Optimismus? Ja, meint Sandy Minier vom Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario: „Natürlich ist die Lage in Bezug auf geschlechterbasierte Gewalt sehr kritisch. Trotzdem sind positive Entwicklungen zu beobachten: Frauen organisieren sich untereinander, um sich gegenseitig zu helfen. Organisationen schließen sich zu großen Netzwerken zusammen, um Frauen besser schützen zu können, es finden Aufklärungskampagnen statt. Das macht Mut und lässt auf weitere solcher Initiativen hoffen.“ Gleichzeitig muss Schluss sein mit der Straflosigkeit der Täter, betont Minier. „Die Problematik existiert schon sehr lange, aber bislang ist ihr keine Regierung Herr geworden. Es ist an der Zeit, dass sich das Denken wandelt und die Justiz die Fälle endlich konsequent verfolgt.“ Das System muss sich ändern – in Mexiko und weltweit, so machen die Partnerberichte deutlich.