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„Wir geben nicht auf!“

Zur Situation von Frauen in Zeiten von Corona – Stimmen aus unseren Partnerländern

Unsere Partnerorganisationen kümmern sich in dieser Zeit der Krise, Abriegelung und sozialen Isolation unermüdlich um Menschen, die ohnehin schon wenig haben und nun besonders gefährdet sind, weil sie am so genannten Rand der Gesellschaft leben – inhaftiert sind, in Bordellen leben, politisch keine Stimme haben.

Es zeigt sich immer deutlicher, die Corona-Krise ist auch eine Krise der Pflege, der Sozial- und Gesundheitssysteme, der Betreuung. Sie trifft diejenigen besonders, die von der Hand in den Mund leben, die als Tagelöhnerinnen zum Beispiel auf dem Bau oder in der Landwirtschaft arbeiten, die winzige Essensstände an staubigen, verkehrsumtobten Straßen betreiben, als Haushaltshilfen arbeiten oder öffentliche Latrinen säubern müssen, aber auch Angehörige pflegen, Kinder erziehen, etc. – In der Mehrheit sind das Frauen.

„Wir geben nicht auf zu helfen!“ sagen unsere Partner. Ein Lokalaugenschein mit Stimmen aus Indien, Brasilien, Bolivien, Honduras, Mexiko und Syrien. 


Zu den Beiträgen


„Ihre Existenzgrundlage geht verloren“ – Alice Morris, Indien

“Die Corona-Krise hat die meisten Menschen völlig hilflos getroffen. Viele von ihnen benötigen dringend Unterstützung. Öffentliche Dienstleistungen, insbesondere das Gesundheitswesen, Sanitäranlagen, Bildungseinrichtungen und noch vieles mehr, sind stark betroffen. Geschäfte wie Teeshops, Restaurants oder Obst- und Gemüsesläden, meistens von Marginalisierten betrieben, wurden geschlossen. Für sie geht so ihre Haupteinnahmequelle, ihre Existenzgrundlage, verloren. Sie wissen nicht mehr, wie sie etwas zu essen bekommen sollen. Hinzu kommt, dass ihre Kinder nun durch die geschlossenen Schulen auch zusätzlich versorgt werden müssen.
Besonders gefährdet sind in dieser Krise Haushalte, die allein von Frauen geführt werden, Personen mit Behinderungen, Menschen, die ohnehin schon in Armut leben. Die Regierung des Bundesstaats Gujarat hat zwar veranlasst, dass Lebensmittelrationen verteilt werden, aber zahlreiche Familien haben aus verschiedenen Gründen keinen Anspruch darauf oder erhalten Portionen, die nicht für alle ausreichen. Sie können zum Teil nicht einmal ihre Grundversorgung sichern. Wir von HDRC verteilen deshalb Hilfspakete. Wir haben mit einigen der betroffenen Frauen und Familien gesprochen. Ihre Situation ist dramatisch. Für den Moment sind unsere Rationen eine große Erleichterung für sie. In den kommenden Monaten möchten wir auch dabei unterstützen, dass mehr Familien Zugang zur Unterstützung der Regierung bekommen.“

Zwei Frauen und ein Junge

Der MISEREOR-Partner HDRC versorgt in der Corona-Krise bedürftige Familien mit Lebensmittel-Rationen. © HDRC/MISEREOR

Alice Morris ist Leiterin des „Human Development and Research Centre“ (HDRC) im indischen Bundesstaat Gujarat. „Bereits seit 40 Jahren setzt sich das HDRC für die Rechte besonders Benachteiligter ein, darunter insbesondere indigene (Adivasi) und kastenlose (Dalits) Frauen“, erzählt Maike Schutzeichel.  Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist häufig schlecht, das Leben geprägt von Diskriminierung, Exklusion und Armut. Viele ihrer Rechte werden ignoriert. „Das HDRC trägt zur Organisation benachteiligter Bevölkerungsgruppen durch Stärkung von Basisgruppen sowie Ausbildung von lokalen Führungskräften und Menschenrechtsaktivist*innen bei, wodurch bereits jetzt eine verbesserte Zusammenarbeit mit den lokalen Institutionen stattfindet“, so Schutzeichel. Die Zivilgesellschaft und die Selbstbestimmung der Menschen,  besonders der Frauen, werden so gestärkt.

Maike Schutzeichel, MISEREOR-Regionalreferentin


„Was, wenn sich unsere Kinder infizieren?“ – Jaciara Cristina da Silva, Brasilien

„Mein Name ist Jaciara, ich bin 49 Jahre alt und habe drei Töchter. Der Virus führt dazu, dass Menschen Angst haben, einander nahezukommen. Die Situation beeinträchtigt uns, denn wir können nicht unserer Arbeit nachgehen und Geld nach Hause bringen. Wir arbeiten an den Verkehrsampeln und verkaufen unter anderem Bonbons, Geschirrtücher und Rosen. Aber angesichts dieser Situation wird es immer schwieriger, Geld nach Hause zu bringen, die Rechnungen zu begleichen und unsere Ernährung sicherzustellen. Essen fehlt in vielen Haushalten. Wir Frauen spielen die Rolle der Familienernährerinnen und der Familienoberhäupter. Wir haben immer mehr Angst rauszugehen, uns den Virus einzufangen und schließlich die Familie anzustecken. Unsere größte Sorge ist, wie es unseren Kindern im Falle einer Infektion gehen würde. Wir können nur zu Gott beten und um seinen Schutz bitten.“

Für Frauen wie Jaciara Cristina da Silva ist die Situation während der Corona-Krise noch schwieriger geworden als ohnehin schon. © Movimiento do Graal/MISEREOR

„Jaciara Cristina da Silva lebt in Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens und betreibt einen kleinen Straßenverkauf“, berichtet Madalena Ramos Görne, Brasilien-Referentin bei MISEREOR. „Unser Projektpartner, der katholische Frauenbund Graal betreut so genannte informelle Arbeiterinnen wie sie – vor allem junge Afrobrasilianerinnen. Für die Frauen ist es ohnehin schwierig über die Runden zu kommen, aber nun durch die Einschränkungen in der Corona-Krise, können sie kaum ihren Jobs nachgehen.“ Im von Graal durchgeführten Projekt wird ihr Selbstbewusstsein gestärkt und die Frauen lernen, wie sie sich qualifizierter politisch einbringen und ihre Rechte vertreten können. „Sie spüren den noch tief verankerten „Machismo“ und werden oft diskriminiert bzw. erleben Gewalt“ erklärt Madalena Ramos Görne. Deshalb sind in das Projekt auch Maßnahmen zu Selbstschutz und Selbstfürsorge integriert. Mit den Männern wird zum Thema Geschlechtergerechtigkeit und Maskulinität gearbeitet. Rollenbilder werden überprüft und verändert. Die Brasilien-Referentin ist überzeugt: „Ein nachhaltiger Mentalitätswandel gelingt nur, wenn auch sie miteinbezogen werden.“

Madalena Ramos Görne ist Brasilien-Referentin bei MISEREOR. © Ramos Görne

Madalena Ramos Görne, MISEREORReferentin für Brasilien


„Die Stigmatisierung wird zunehmen“
Sunitha Krishnan, Indien

„Die Covid-19-Pandemie hat jeden getroffen, aber für die Benachteiligten und Ausgegrenzten in der Gesellschaft ist sie eine Katastrophe. Frauen und Mädchen, die sozial, wirtschaftlich und politisch an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, tragen am schwersten an den Auswirkungen der Pandemie. Unter ihnen sind diejenigen, die Opfer des Sexhandels sind und diejenigen, die in Bordellen leben. Diese Frauen und Mädchen sind nicht nur mit den wirtschaftlichen, sondern auch mit den psychologischen und physischen Folgen konfrontiert. Die meisten Frauen, die sich in Indien in der Prostitution befinden, hungern und leiden in Folge von Alkohol- oder Drogenmissbrauch unter Entzugserscheinungen. Ohne einen ordnungsgemäßen Personalausweis haben sie keinen Zugang zu der von der Regierung gewährten Unterstützung. Langfristig wird die Gefahr des Frauen- und Kinderhandels aufgrund der wirtschaftlichen Verzweiflung um das Hundertfache zunehmen. Und gleichzeitig wird die Stigmatisierung, der von Prostitution Betroffenen, um ein Vielfaches zunehmen, da Covid-19 ebenfalls in die Liste der vielen Infektionen aufgenommen wurde, die Frauen angeblich verbreiten.“

Sunitha Krishnan ist Leiterin der von Prajwala. © Prajwala/MISEREOR

Sunitha Krishnan ist Mitbegründerin und derzeitige Leiterin der indischen Frauenrechtsorganisation „Prajwala“. Seit 1996 setzt sie sich unermüdlich für Kinder und Frauen ein, die Opfer von sexueller Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung wurden. „Prajwala heißt so viel wie ‚ewige Flamme’, erklärt Indien-Referentin Brigitte Mandelartz. „Das beschreibt den Hintergrund für das Engagement von Sunitha Krishnan besonders gut. Sie möchte den betroffenen Frauen und Mädchen bewusst machen, dass in ihnen ein Licht der Würde leuchtet, das nicht ausgelöscht werden kann.“ MISEREOR unterstützt Prajwala besonders bei der bei der Befreiung der Frauen aus Zwangsprostitution sowie dem Aufzeigen von beruflichen Alternativen und der Präventionsarbeit gegen Menschenhandel. Außerdem werden Maßnahmen zur Grundbildung und begleitende Sozialarbeit für Kinder von Prostituierten in Hyderabad gefördert. „Der Ansatz von Prajwala zielt nicht nur auf die Betreuung und Rehabilitation von Gewaltopfern ab, sondern durch eine neue Aufklärungskampagne auch auf verschiedene andere Zielgruppen“, erklärt Brigitte Mandelartz. „So sollen neben zivilgesellschaftlichen Kräften, Polizei- und anderen Regierungsbeamten auch die Verursacher der Gewalt in das Programm mit einbezogen und zum Umdenken animiert werden.“

Bei der indischen Organisation Prajwala können beispielsweise ehemalige Prostituierte eine berufliche Ausbildung machen. © Prajwala/MISEREOR

Brigitte Mandelartz, MISEREOR-Sachbearbeiterin für inhaltliche Projektbegleitung in Asien


„Viele Familie haben kein eigenes Zuhause“
Peky Rubin de Celis, Bolivien

„Die soziale Isolation ist eine der empfohlenen Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Sie hat direkte Auswirkungen auf das Leben der Frauen: Die erzwungene Quarantäne führt dazu, dass viele Frauen, die in einer schwierigen häuslichen Situation leben, verstärkt Gewalt ausgesetzt sind. Dasselbe gilt für Mädchen und junge Frauen. Viele Familien haben kein eigenes Zuhause, leben mit mehreren Familien zusammen und meist auf sehr engem Raum. Diese Umstände setzen Kinder und Frauen einem größeren Risiko aus, da diese Gewaltverbrechen innerhalb des Hauses geschehen und von nahen Verwandten begangen werden. Bolivianische Frauen verbringen durchschnittlich sieben Stunden täglich mit der Pflegearbeit für Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, darunter Kinder, ältere Menschen, Kranke und Behinderte. Schulschließungen und Quarantäne führen zu einer größeren Arbeitsbelastung für sie, da sie mehr Zeit für Pflegeaufgaben aufwenden müssen. (…) Die Quarantäne hat dazu geführt, dass viele Frauen, die in Haushalten arbeiten, Gefahr laufen, entlassen zu werden, ohne die Gewissheit zu haben, ihren Lohn ausbezahlt zu bekommen, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Nahezu 70 Prozent des Gesundheitspersonals sind Frauen. Die meisten von ihnen sind nicht mit der notwendigen Schutzausrüstung ausgestattet und wissen nicht wie sie zur Arbeit kommen sollen, da während der Quarantänezeit ab abends kein öffentlicher Transport zur Verfügung steht.

„Sie bringen uns um! Wusstest du, dass uns während dieser Quarantäne schon 6 verloren gegangen sind? 6 Feminizide (Frauentötungen), 33 Vergewaltigungen von Minderjährigen, 545 Opfer von Gewalt“ – ECAM macht mit seiner Kampagne „Du bist nicht allein“ (#NoEstasSola) auf häusliche Gewalt an Frauen, die insbesondere während der Quarantäne angestiegen ist, aufmerksam. – © ECAM

Peky Rubin de Celis ist die Koordinatorin der Organisation „Equipo deComunicación Alternativa con Mujeres – Team der Alternativen Kommunikation mit Frauen“ (ECAM) und Mitglied des nationalen Frauennetzwerkes „Red Nacional“ in Bolivien. ECAM ist eine sehr engagierte Organisation im Süden Boliviens, die in dem lateinamerikanischen Land für die Verteidigung der Frauenrechte arbeitet, aktiv über das Thema informiert und interveniert, auch auf politischer Ebene. Bolivien hat die höchste Rate an Frauenmorden Lateinamerikas. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Gewalt gegen Frauen stark zugenommen, und ECAM bietet hier den Frauen mit ihrer Aktion „Quarantäne ohne Gewalt – Du bist nicht allein“ Unterstützung an.

„Quarantäne ohne Gewalt – du bist nicht allein!“ – Mit dieser Kampagne macht die Organisation ECAM auf häusliche Gewalt aufmerksam. © ECAM

Irmgard Soentgen, MISEREOR-Sachbearbeiterin für inhaltliche Projektbegleitung in Lateinamerika


„Sie sagt, sie hat keinen einzigen Peso“
Dominik Pieper, MISEREOR-Referent für Honduras

„Von unserer Partnerorganisation Caritas in San Pedro Sula in Honduras kommen beunruhigende Nachrichten. Carlos Paz Guevara, stellvertretender Direktor der Caritas dort erzählt von Demonstrationen und von Misshandlungen und Plünderungen durch die Polizei. Carlos hat sich bei den Frauen, die sie betreuen umgehört. So hat eine der Frauen ihm zum Beispiel berichtet, dass ihr der Strom abgestellt wurde, weil sie kein Einkommen mehr und Schulden habe. Eine andere kommt nur über die Runden, weil ihr ihre Nachbarin ein Pfund Maseca, Maismehl, zwei Pfund Bohnen und zwei Pfund Reis und Butter gebracht hat. Sie habe keinen einzigen Peso, sagt sie. Eine Dritte sucht nach Wegen, mit ihren Kindern über den Tag zu kommen. Obwohl das schwierig für ihre Kinder sei, hat sie sich entschlossen, mit nur zwei Mahlzeiten pro Tag auszukommen. Sie wartet auf den Unterhalt ihres EX-Partners. Ausbleibende Unterhaltszahlungen scheinen ein großes Problem zu sein.“

Dominik Pieper ist MISEREOR-Länderreferent für u.a. Honduras. © Claudia Fahlbusch

Die Caritas in San Pedro Sula setzt sich vor allem für die Stärkung von Frauen ein. In Honduras leiden Frauen und Mädchen in besonderem Maße unter der entsetzlichen Gewalt, die das mittelamerikanische Land seit langer Zeit in Atem hält. Frauen werden gestärkt, indem sie in ihren Rechten aufgeklärt werden. Sie werden dabei unterstützt, von diesen Rechten Gebrauch zu machen und sich in Gruppen zusammenschließen, die ihnen in Krisensituationen zur Seite stehen. Darüber hinaus arbeitet die Caritas mit Männergruppen, um mit tradierten Männlichkeitsbildern zu brechen. Auf diese Weise trägt die Arbeit zur Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, Mädchen und Jungen bei.

Dominik Pieper, MISEREOR-Referent für Honduras


Gegenseitige Unterstützung wie nie zuvor
– Monisha Berhal vom North East Network (NEN), Indien

„Am schlimmsten betroffen sind alleinstehende Frauen, Kleinbäuerinnen, Menschen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, Hausangestellte, Verkäuferinnen und Kleinverkäuferinnen. Die Teams des North East Network, seine Berater und diejenigen, die Fälle häuslicher Gewalt behandeln, sind durch den derzeitigen Lockdown stark eingeschränkt. Trotz dieser Herausforderungen und Hindernisse treten Frauen in unseren Bundesstaaten nach vorne und wenden sich an die am stärksten benachteiligten und gefährdeten Gruppen, indem sie mit der Distriktverwaltung zusammenarbeiten, Hilfe leisten und auf die Krise reagieren, indem sie sich wie nie zuvor gegenseitig unterstützen. Mit Widerstandsfähigkeit haben sie es geschafft, die Misshandelten und Verletzlichen zu beraten, indem sie in dieser globalen Krise über die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit hinausgewachsen sind.“

Das North East Network kümmert sich auch in Zeiten der Corona-Krise um die Menschen vor Ort. © North East Network

„In Krisenzeiten verfestigen sich bestehende Verhältnisse von Dominanz und Machtlosigkeit“, erklärt Anna Dirksmeier, Asien-Regionalreferentin bei MISEREOR. Aggressionen gegenüber den schwächeren Gliedern der Gesellschaft, Frauen und Kindern würden zunehmen. „Aus allen drei Bundesstaaten Assam, Nagaland und Meghalaya, in denen das nordostindische Netzwerk NEN aktiv ist, wird von einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen berichtet.“  Daher setzt sich NEN für den Zugang von Frauen zu Eigentum und Entscheidungsmacht ein. In deren häuslichen Umfeld, in der Dorfgemeinschaft und den lokalpolitischen Mitwirkungsgremien. „Die Frauen sollen ihre produktiven Ressourcen kontrollieren können“, so Dirksmeier. „Dazu gehören zum Beispiel die Selbstbestimmung über die Einteilung ihrer Arbeit, der Zugang zu Wissensvermittlung, zu Saatgut, zu Möglichkeiten der Vermarktung ihrer Produkte aus Landwirtschaft und Weberei. Aber auch, dass sie beim Erbschaftsrecht nicht übergangen werden, sondern Landbesitztitel erhalten, die sie unabhängiger von (männlicher) Fremdbestimmung machen.“

Das North East Network (NEN) bildet staatliche Stellen wie Polizei und Mitarbeiter*innen von Gesundheitsbehörden darin aus, die gesetzlichen Regeln zum Umgang mit sexualisierter Gewalt umzusetzen und gibt Frauen eine Stimme in der Kommunalverwaltung, trainiert weibliche Führungspersönlichkeiten in den Gemeinden, arbeitet mit Männern und Jugendlichen an ihren überholten Rollenvorstellungen und weckt Sensibilität für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.


„Eine Frau tut das nicht!“
Schwester Petra Pfaller, Gefängnis-Seelsorge, Brasilien

„Die Menschen in den brasilianischen Gefängnissen sind dem Virus Covid-19 ganz besonders ausgesetzt. Schon ohne die Pandemie sind die Verhältnisse dort krankmachend und oft tödlich, ganz besonders auch für die mehr als 45.000 Frauen in Haft.

Man stelle sich vor, wie eine Isolation in den vollkommen überfüllten Haftanstalten möglich sein soll? Ganz abgesehen davon, dass Wasser und Seife hinter Gittern Mangelware sind. Alle Besuche wurden verboten. Doch Besuche bedeuten, an Essen, Medikamente und persönliche Hygieneartikel wie Seife und Zahnpasta heranzukommen.

Mehr als 80 Prozent dieser Frauen sind wegen Drogendelikte angeklagt oder verurteilt. Sie werden von den Richtern als besonders gefährlich eingestuft; die moralische Verurteilung spielt dabei eine sehr große Rolle: ‚Eine Frau tut das nicht! Hat sie denn nicht an ihre Kinder gedacht?’ Das habe ich schon von einem Richter im Gerichtssaal gehört. Eben weil sie an die Kinder dachte, ist sie in Haft.

Die meisten dieser Frauen sind sogenannte ‚Mulas’, das heißt, sie sind ‚Lastenträgerinnen’, übernehmen Botendienste für Drogenhändler. Sie erhoffen sich das schnelle Geld für den Unterhalt der Familie und stehen damit in der Hierarchie der Drogen-Kriminalität auf der untersten Stufe. Somit sind sie der Strafverfolgung durch die Behörden am meisten ausgesetzt. Diese ‚gefährlichen’ Frauen, die meisten schwarze und arme, haben schon ein geschwächtes Immunsystem. Durch die schlechte Ernährung und schmutzigen Haftanstalten müssen sie nun mit der Pandemie mehr denn je um ihr Leben und das ihrer Kinder bangen. Auch die Gefängnis-Seelsorge darf ihren Besuchsdienst nicht wahrnehmen, so sind sie isoliert, alleingelassen, ohne jegliche Nachricht ihrer Familienangehörigen.

Was tun? Wir werden weiterhin lebenswichtige Maßnahmen, vor allem für diese Frauen, von den zuständigen Behörden einfordern und uns ganz besonders für vorzeitige Haftentlassungen einsetzen.“

Brasilien verzeichnet die drittmeisten Inhaftierten weltweit – die Zustände in den Gefängnissen des Landes sind ohnehin schon dramatisch. Während der Corona-Krise hat sich die Situation noch einmal verschärft, besonders für viele Frauen. © Nationale Gefängnispastoral Brasilien

Schwester Petra Faller arbeitet in der Fachstelle für Inhaftierte in Brasilien, mit der MISEREOR nun schon seit 32 Jahren kooperiert. Brasilien hat nach den USA und Russland weltweit die dritthöchste Zahl an Gefangenen. In den Haftanstalten ist die Situation geprägt von Gewalt und Drogenkriminalität, viele der Menschen dort wurden inhaftiert, ohne je verurteilt worden zu sein. Die Lebensbedingungen von ihnen sind katastrophal, die wenigsten haben Kontakt zu Anwälten. In dieser schwierigen Lage bemüht sich die Fachstelle für Inhaftierte darum, ein Betreuungsnetz auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene aufzubauen und der Missachtung der Inhaftierten entgegenzuwirken. Basisgesundheitsdienste, Seelsorge und Betreuung bei der Wiedereingliederung sind ebenso Bestandteil der Arbeit des Teams um Petra Faller wie die rechtliche Unterstützung und Beratung der Gefangenen. Besonders berücksichtigt werden hier die inhaftierten Frauen und ihre Familien.

Regina Reinart, MISEREOR-Referentin für Brasilien


„Die Situation verstärkt die täglichen Reibereien“
Sandrine Minier, Mexiko 

„Die ohnehin schon sehr ungleiche Arbeitsbelastung von Frauen und Männern hat mit COVID-19 zugenommen und zu doppelten oder dreifachen Arbeitstagen (für Frauen) geführt. In Mexiko sind 70 Prozent der Arbeit, die Frauen leisten, mit häuslicher Pflegearbeit verbunden, die weder bezahlt noch anerkannt oder geschätzt wird. Diese Leistungen machen jedoch 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Wenn Frauen in normalen Zeiten in der Regel dreimal mehr Arbeit leisten als Männer, so steigt diese Zahl in Randgruppen auf das Fünffache an. Jetzt wurde diese Arbeitsbelastung der Frauen als Folge der Krise noch erhöht, weil Schulen und Kindergärten geschlossen wurden. (…) Die Verwundbarkeit der Frauen wird durch die soziale Isolation verstärkt. Die Auflage, zu Hause zu bleiben, erlaubt ihnen oft keinen eigenen Raum, geschweige denn eigene Zeit.“

Diese Situation verstärkt die täglichen Reibereien, die in Geschrei, Aggressionen und Gewalt enden. Dieser Zustand wird noch schwieriger, wenn die Frau mit einem Mann zusammenlebt, der gewalttätig oder missbräuchlich ist. Sie bringt eine emotionale Belastung mit sich, die die Gesundheit und die Integrität von Frauen und Mädchen beeinträchtigt. Angesichts der Krisensituation ist es an der Zeit, die Behörden aufzufordern, die Zahl der Wachen und der aktiven Begleitung in den Fällen von Gewalt gegen Frauen zu vervielfachen. Wer häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, für den ist die Wohnung der am wenigsten sichere Ort überhaupt.“

Auch die MISEREOR-Partnerorganisation IMDEC bedankt sich bei den vielen Helferinnen und Helfern während dieser Pandemie und fordert gleichzeitig sichere Arbeitsbedingungen. © IMDEC

Sandrine Minier ist Architektin und Fachberaterin der Misereor-Partnerorganisation IMDEC (Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario – Mexikanisches Institut für Gemeinwesenentwicklung) sowie Beraterin des zentralamerikanischen Netzwerks für Erdbau (Red MAK). IMDEC führt im Rahmen seiner Arbeit Beratungs-und Ausbildungsprogramme in den Bereichen traditioneller, umwelt-/klimaschonender Erdbauweisen und angepasster ökologischer Wohnbautechnologien durch. Der Fokus der Projektarbeit liegt auch auf Gendergerechtigkeit sowie Katastrophen-/ Risikomanagement. Dabei werden benachteiligte Gruppen aus Mexiko, aber auch Partnerinstitutionen aus Zentralamerika, die in einem Netzwerk für Erdbau (Red MAK) miteinander kooperieren, einbezogen und unterstützt. Ziel von IMDEC ist es, insbesondere die dramatische Situation von Gewalt in der Region, die sich vor allem gegen Frauen richtet, zu entschärfen. IMDEC kämpft für Chancengleicheit von Frauen und Männern, gegen „Machismo“ und fördert Gendergerechtigkeit.

Betina Beate, MISEREOR-Abteilungsleiterin für Lateinamerika und die Karibik


Dieser Sturm wird enden“ – Claudette Azar, Syrien

„Die Menschen in meiner Heimat betrachteten das Corona-Virus als das Virus des Todes. Wie unter einem Brennglas entzündeten sich besonders am Anfang erneut all der Schmerz und das Leid der Vertreibung – all die harten Erfahrungen, die wir als Syrerinnen und Syrer in den vergangenen neun Jahren durchgemacht haben und noch immer machen. Unter diesen schwierigen Umständen versuchen die syrischen Frauen, ihre Familie auf jede erdenkliche Art zu unterstützen und ihnen Kraft zu geben – trotz der Angst, die sie in sich tragen. Viele Mütter berichten, dass sie versuchen, Arbeit in fremden Häusern zu finden – zum Beispiel dort zu putzen oder ältere Menschen zu pflegen. Sie wollen zumindest ein wenig Geld verdienen, um ihre Kinder zu ernähren. Zu Hause versuchen sie auf einfache und günstige Weise, die erforderlichen Hygienemaßnahmen umzusetzen – zu sterilisieren, indem sie Salzwasser zur Reinigung ihres Hauses verwenden oder ihre Kinder dazu bringen, Wasserdampf einzuatmen. Jede Krise, die wir erleben, ist eine Lebensgeschichte, die uns in die Zukunft führen wird. Bald werden wir über diese Krankheit triumphieren, und dieser Sturm wird enden. Die Menschheit wird überleben und Kraft finden, um sich zu erholen. Ich gehe davon aus, dass wir in einer anderen Welt leben werden als vor Beginn der Epidemie. Die Werte werden sich ändern, unser Leben und unsere Gewohnheiten werden sich ändern und sogar unser Denken. Vor allem werden wir den Wert dessen erkennen, was wir haben. Und Gott für diese Segnungen danken.“

Claudette Azar arbeitet als Assistentin des Projektleiters des Jesuit Refugee Services in Kafroun.

MISEREOR-Partner in Syrien: Jesuit Refugee Services

Die Zentren des Jesuit Refugee Services (JRS) in Jaramana und Kafroun unterstützen kriegsbelastete Kinder und Jugendliche aus besonders vulnerablen Haushalten, deren Schulbildung gefährdet ist. Auch ihre Angehörigen erhalten Hilfe durch Bildungs- und soziale Angebote. Psychosoziale Unterstützung ist integraler Bestandteil der Arbeit von JRS und ein Schlüssel für die Rehabilitierung der syrischen Gesellschaft.

Nach dem Corona-bedingten Lockdown organisierte sich das JRS Team zügig vom Home Office aus. Am Anfang stand die telefonische Kontaktaufnahme mit den Menschen, um ihre Bedingungen einschätzen zu können und zu erfragen, wovon sie leben. Viele von ihnen sagten, dass sie niemanden haben, der sich um sie kümmert oder sie beruhigt. Sie teilten ihr Leiden, sogar ihre Angst und Furcht mit, manche weinten.

In einem zweiten Schritt wurde eine unterhaltsame und lehrreiche Facebook-Seite erstellt, die für Kinder und deren Eltern ein gesundheitliches und psychologisches Bewusstsein schaffen möchte. Dies half, Familien zu erreichen und den Zusammenhalt zu stärken.

Seit kurzem wird unter der Aufsicht des syrischen JRS-Landesdirektors an der Erstellung von Handbüchern (Bildung + psychosoziale Unterstützung) gearbeitet, um Kindern bei ihrer Rückkehr zu helfen, Bildungsverluste aufzuarbeiten, die sie während der Zeit der Corona-Krise erlitten haben.

Karin Bräuer, MISEREOR-Regionalreferentin

„Corona-Pandemie – größte Bedrohung für Indigene“: Online-Petition fordert Schutzmaßnahmen

„Die indigenen Völker Brasiliens sind in ihrer Existenz bedroht: Durch Invasionen von Goldgräbern und Holzfällern, illegalen Großgrundbesitzern sowie durch kriminelle Brandstiftung. Doch die Corona-Pandemie stellt für die indigenen Völker Brasiliens die größte Bedrohung aller Zeiten dar.“ Das sagt einer, der sich Zeit seines Lebens für die Indigenen und ihren Lebensraum engagiert hat: Der berühmte brasilianische Fotograf Sebastião Salgado. In einer Online-Petition fordert er jetzt die brasilianische Regierung zum Handeln auf.

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