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Es geht! Gerecht. Mit Urban Gardening gegen die Folgen des Klimawandels

Für Lucia Alcover ist das „höchste Gras der Welt“ ein Segen. Doch Bambus hat es schwer auf den Philippinen. Als Arme-Leute-Holz bezeichnet, hängt Bambus das hartnäckige Vorurteil an, ein Material von minderer Qualität zu sein. Doch Lucia will mit ihrem Verein VISCHOA gegen dieses Vorurteil angehen und den Menschen die großartigen Eigenschaften von Bambus näherbringen. Für sie und VISCHOA sind Bambusanpflanzungen und Urban Gardening entscheidende Beiträge zum Hochwasserschutz. Und machen ihre Gemeinden resistenter gegenüber den Folgen der Klimakrise.

Lucia Alcover in der Vereinshütte von Purok VISCHOA; die Urban Gardening als Strategie einsetzen, um ihre Gemeinden resistenter gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. © Jacqueline Hernandez Photography / MISEREOR

Lucia Alcover schaut in den Himmel über Cebu City. Es ist keine einzige Wolke zu sehen. An diesem Feiertag – es ist der Unabhängigkeitstag auf den Philippinen – kann Lucia sich von ihrer anstrengenden Arbeit als Gemeinderätin erholen und sich zu Hause mit ihren Enkelkindern entspannen. Doch um Punkt 17 Uhr schreckt sie ein lauter Ruf auf. Eine Freundin aus einer benachbarten Gemeinde ruft ihr vom Tor aus zu, sie solle sich beeilen: Der Mananga-Fluss ist wieder über die Ufer getreten.

Taifun Haiyan als Wendepunkt

Zunächst glaubt Lucia, dass ihre Freundin einen Scherz macht. Den ganzen Tag über ist kein einziger Tropfen Regen gefallen. Aber Lucia kann kein Risiko eingehen. Ihre Tochter Eva lebt mit der Familie ihres Mannes am Flussufer. Als Mitglied des „Mananga River Council“ weiß Lucia, dass der Fluss, der durch acht Gemeinden fließt, eine zerstörerische Ader hat. Im Jahr 2013 trat das Wasser des Flusses über die Ufer, nachdem der größte Sturm in der Geschichte der Philippinen, der Taifun Haiyan, heftige Regenfälle gebracht hatte. Die Windgeschwindigkeit betrug 200 Meilen pro Stunde. Das Hochwasser reichte bis über die Dächer der Häuser. Das sonst so klare Wasser des Flusses hatte die Farbe von Kaffee.

In dem Moment als Lucia sich erhebt, um etwas zu unternehmen, hört sie Menschen darüber reden, dass der Damm gebrochen ist. Sie läuft zum Flussufer, das nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt ist, um nach den Evakuierten zu sehen. Dort trifft sie ihr 15-jähriges Enkelkind. „Hilf uns, Großmutter!“, schreit er. Lucia sagt ihm, er solle sich in der Kapelle des Viertels in Sicherheit bringen. In nur einer Stunde ist das Wasser des Flusses in die Häuser eingedrungen. Innerhalb von fünf Stunden reicht das Wasser bis über Lucias Schultern. Auf seinem Höchststand steht das Wasser so hoch wie ein Basketballring. Das sind fast 3 Meter.

Als sie das Katastrophengebiet absucht, in dem Familien in Panik alles retten, was sie können – Fernseher, Kühlschränke, Haustiere, Reissäcke und Kleidersäcke –, bemerkt sie in der Nähe des Hauses ihrer Tochter einen Wasserstrudel, der wie von einer unsichtbaren Kraft zurückgedrückt wird. Lucia blickt nach oben und sieht einen etwa zwei Meter hohen Strauch aus einheimischem Tinik-Bambus, der etwa zwei Meter hoch ist. Die Bambuspflanzen haben das Wasser wie einen Magnet zurückgehalten.

Lucia hatte bei der Überschwemmung gesehen, dass Bambus sehr gutes Absorptionsvermögen besitzt; auf den Grundstücken, wo Bambus gepflanzt war, stieg das Wasser nur auf Kniehöhe an, in den übrigen Gemeinden am Flussufer erreichte das Hochwasser Schulterhöhe. © Jacqueline Hernandez Photography / MISEREOR

Urban Gardening sorgt für Schutz in der Klimakrise

Lucia ist es gewohnt, schnell handeln zu müssen. Sie ist nicht nur Gemeinderätin in San Isidro in Cebu, sondern auch Präsidentin der Villa Santa Cruz Homeowners Association (VISCHOA). Diesem Verein gehören 65 Familien an, die Urban Gardening als Strategie einsetzen, um ihre Gemeinde resistenter gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. Obwohl der Verein nur über kleine Grundstücke und wenig Geld verfügt, begannen die Familien des Vereins im Jahr 2013, Gemüse und Zierpflanzen auf den Grundstücken zu pflanzen. Gemeinsam mit der Pagtambayayong Foundation, einer Partnerorganisation von MISEREOR, gewann die Gruppe seit 2015 einige Urban-Gardening-Wettbewerbe. Ausgestattet mit dem richtigen Wissen und dem Willen, Urban Gardening als Strategie zur Anpassung und Abmilderung der Folgen des Klimawandels zu nutzen, hat Pagtambayayong 2018 auch einen stadtweiten Gartenwettbewerb gewonnen. Mit dem Preisgeld konnte die Gruppe eine Vereinshütte bauen, die sie Purok VISCHOA nennt. Dort halten die Mitglieder Sitzungen ab und bilden die Jugend ihrer Gemeinde aus. Die Hütte, geschmückt mit gelben Frangipani-Blüten aus recycelten PET-Flaschen, ist Vereinshaus und Klassenzimmer. Zugleich wachsen hier auch Kräuter, Heilpflanzen und hängende Farne.



Pioniere im Katastrophenmanagement

Da VISCHOA als Pioniergruppe eine Schulung in Katastrophenrisikominderung und Katastrophenmanagement von der MISEREOR-Partnerorganisation erhielt, verfügt VISCHOA über einen Gemeindeaktionsplan für Katastrophen, der sich am Tag der Flut als hilfreich erwies. Nachdem Lucia sie dazu aufgefordert hatte, halfen die VISCHOA-Mitglieder bei der Evakuierung der Bewohner*innen aus Masagana und anderen Gemeinden am Flussufer in höher gelegene Gebiete. Sie rissen einige Zäune ein, um den Evakuierten die Flucht zu erleichtern. Und als die 150 evakuierten Familien in Sicherheit waren, kauften die VISCHOA-Mitglieder 500 Brote und Kaffee, kochten Nudeln und Sardinen und nahmen die Familien bei sich auf. „Die Menschen kamen nicht zur Ruhe. Sie machten sich Sorgen über ihre Häuser und ihr zurückgelassenes Hab und Gut“, erzählt Lucia. An dem Tag der Flut mussten insgesamt 841 Familien aus dem Gebiet des Mananga-Flusses evakuiert werden. Nicht alle hatten das Glück, Unterstützung von einer Person wie Lucia zu bekommen. „Ich kenne diese Gegend. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Diese Häuser am Flussufer hätten gar nicht erst gebaut werden dürfen. Aber viele sind angesichts der Härten des Lebens dazu gezwungen, sich Land anzueignen, das ihnen nicht gehört.“

Bambus: günstiger und nachhaltiger Hochwasserschutz

Der Bambus ist schon lange ein Bestandteil der philippinischen Kultur. Die ersten Filipinos, Malakas (die „Starken“) und Maganda (die „Schönen“), sollen aus einer Bambussprosse hervorgegangen sein. Bambus, der auf Filipino kawayan heißt, wird für die Herstellung von Lebensmitteln, den Bau robuster Unterkünfte und die Herstellung von Matten, Möbeln und Musikinstrumenten verwendet. Doch während Bambus als nachhaltige Alternative zu anderen Materialien gefeiert wird, ist seine einfache Zugänglichkeit auch mit einem Stigma behaftet. Wo Bambus heimisch ist, wird er weniger geschätzt. Da die Pflanze billig ist, wird sie oft mit Armut assoziiert und als „Holz des armen Mannes“ bezeichnet. Aus diesem Grund wird das Potenzial von Bambus für höherwertige Anwendungen übersehen. Lucia hofft, die Gemeinden, die am Flussufer liegen, insbesondere jene, wo der Mananga-Fluss am meisten Kraft hat, davon überzeugen zu können, Bambus anzupflanzen. Denn Lucia hatte bei der Überschwemmung gesehen, dass Bambus unglaubliches Absorptionsvermögen besitzt. Allein auf den Grundstücken, wo Bambus gepflanzt war, stieg das Wasser nur auf Kniehöhe an. In den restlichen Gemeinden am Flussufer erreichte das Hochwasser überall Schulterhöhe. Und während viele der Häuser auch drei Tage nach der Flut noch immer unter Wasser standen, konnten diejenigen, die Bambus auf ihrem Grundstück hatten, schon am Tag danach wieder in ihre Häuser zurückkehren.

„Die jungen Mitglieder von VISCHOA zeigen Engagement, indem sie jeden Sonntag Säuberungsaktionen in ihren Wohnvierteln durchführen. Ich sehe so viel Potenzial in ihnen, dass aktiviert werden kann.“ © Jacqueline Hernandez Photography / MISEREOR

„Die Zukunft gehört den jungen Leuten!“

Heute ist Lucia 61 Jahre alt und setzt darauf, dass die jungen Mitglieder von VISCHOA ihre Advocacyarbeit fortsetzen. „Als ältere Bürgerin wünsche ich mir, dass die Jugend jetzt Verantwortung übernimmt. Die jungen Mitglieder von VISCHOA zeigen Engagement, indem sie jeden Sonntag Säuberungsaktionen in ihren Wohnvierteln durchführen. Ich sehe so viel Potenzial in ihnen, dass aktiviert werden kann, sobald sie Schulungen in Katastrophenrisikominderung sowie Katastrophenmanagement und Bambusanpflanzung erhalten haben.“ Im Vereinshaus von VISCHOA sind heutzutage auch zahlreiche junge Mitglieder anzutreffen. Selbst die Enkelkinder helfen bei der vierteljährlichen Säuberung des Mananga-Flusses. Für Viele – und besonders für Lucia – hat die Sanierung des Flusses Priorität. „Einige Siedler*innen sind dazu übergegangen, den Fluss als Eiweißquelle zu nutzen und Frösche zum Abendessen zu fangen, wenn sie wenig Einkommen haben. In Anbetracht der Tatsache, dass die Qualität des Flusswassers nicht gut ist, müssen wir dringend handeln und dürfen nicht auf eine weitere Katastrophe warten.“ Lucia lässt ihren Blick schweifen – über den Bambus, der sich vor dem blauen Himmel in einer Windbrise wiegt.

Über die Autorin: Johanna Michelle Lim ist Journalistin und Reiseschriftstellerin und lebt in Cebu City, Philippinen.


Weitere Informationen zum Thema und den Ländern der Fastenaktion 2022.

Fastenaktion 2022 Es geht! Gerecht.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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